DAS COOLSTE FEUERWEHR-MAGAZIN

DISASTER CITY

Disaster City

TEXT HERMANN KOLLINGER & TEEX

FOTOS MARTIAL VOITIER

In „Disaster City“, einer texanischen Geisterstadt aus Ruinen, Wracks und Schutt, trainieren Rettungshelfer aus aller Welt für den Einsatz bei Großbränden, Erdbeben, Überschwemmungen und Terroranschlägen.

irgendwo sonst am Erdball finden Einsatzorganisationen ein derartig vielfältiges und praxisbezogenes Ausbildungsangebot wie in der texanischen Katastrophenstadt. Feuerwehrleute und Rettungskräfte aus ganz Texas und aus 45 Staaten der Welt finden sich dort jedes Jahr ein, um hautnah den Ernstfall zu üben. Betrieben wird die Katastrophenstadt vom Teex-Konzern, der seit 1930 besteht und sich zu einem weltweit führenden Konzern auf diesem Sektor entwickelt hat. Im sog. Disneyland des Terrors wird auf nicht weniger als 130 Spezialgebieten die Fort- und Weiterbildung angeboten. Neben der Feuerwehr-Ausbildung finden dort auch Rettungsdienste oder Sonderkommandos (inklusive Spezialtruppen für Massenvernichtungswaffen und Terrorismusbekämpfung) ideale Bedingungen für das Beüben ihrer Aufgaben. Das Kursangebot auf dem Sektor Feuerwehr reicht von einfachen Schulungen bis hin zur komplexen Ausbildung von Lehrbeauftragten in Berufs- oder freiwilligen Feuerwehren, beginnend von der grundlegenden Praxisausbildung über die Brandschutz-Überwachung, dem Notfall-Management, Gefahrguteinsätzen bis hin zu vielfältigsten Rettungstechniken in allen Einsatzbereichen. Teex bietet auch für Werksfeuerwehren spezialisierte Kurse an, die sich vor allem an deren Bedürfnisse in der industriellen Brandbekämpfung anlehnen. Finanziert wird die Stadt aus verschiedensten öffentlichen Mitteln und natürlich auch aus den Gebühren der Teilnehmer.

Um einen lebendigeren Einblick von einem Teil der Abläufe in der Katastrophenstadt zu vermitteln, wird diese nicht ausschließlich in fachlicher, sondern vielmehr auch in belebter Art und Weise vorgestellt. Schlussendlich ist es Ziel des Artikels, zumindest einen Hauch der Realität dieser Superkatastrophenstadt zu vermitteln. Alle Details vorzustellen würde den Rahmen sprengen.

Zerstörte Häuser, entgleister Zug

Über den Köpfen der einen Feuerwehreinheit aus Japan kreist ein US-Militärhubschrauber vom Typ Black Hawk. In der Ferne, hinter eingestürzten Häusern, Schuttbergen und den Überresten eines entgleisten Zuges, steigen Rauchsäulen empor. Dort brennen mit Stroh gefüllte Gebäude und Flugzeugwracks. „Fantastisch“. Bemerkt einer der Japaner und deutet auf einen Zementhaufen, „Bis in alle Details ganz ausgezeichnet gelungen.“ Ein perfektes Desaster: Sogar einen Alligator gibt es, der dem Vernehmen nach im Tümpel hinter dem kollabierten Parkhaus mit den zerquetschten Autos haust. Das Reptil ist der einzige Bewohner von „Disaster City“, einer bizarren Trümmerstadt, so groß wie 30 Fußballfelder, in der Wracks und Ruinen in sorgfältiger Kleinarbeit so präpariert und drapiert wurden, dass Militär, Feuerwehrleute und Rettungshelfer aus aller Welt jedes erdenkliche Katastrophenszenario durchspielen können: Erdbeben, Tornados, Überschwemmungen, Brände, Gasexplosionen, Angriffe mit chemischen oder biologischen Waffen und Terroranschläge.

EIN DISNEYLAND FÜR KATASTROPHEN
Für sage und schreibe 130 Spezialgebiete werden hier Szenarien für Fort- und Weiterbildungen angeboten. 45 Nationen weltweit nutzten das Areal bereits.

Egal, welches Ereignis realistisch „nachgespielt“ wird, ein Grundsatz steht über allem: „Safety first – Sicherheit zuerst!“

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Hier können wir von den Besten der Welt lernen, uns auf den Ernstfall vorzubereiten.
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Übungs- und Testgebiet zugleich

Über 81.000 Teilnehmer werden jährlich von Instrukteuren, die bei echten Desastern wie 9/11, dem Hurrikan „Katrina“ oder dem Erdbeben in Haiti Rettungseinsätze geleitet haben. Zugleich ist Disaster City ein Experimentierfeld für die Wissenschaft: Regelmäßig testen die Ingenieure der benachbarten Texas A&M University hier die Instrumente, Sensoren und Roboter, die sie entwickelt haben. Es gehört zum Konzept der Geisterstadt, dass sich der inszenierte Horror so real wie möglich anfühlen soll – deshalb liegen zwischen den Ruinen und Trümmern aus Beton, Stahl und Holz verstreut Kinderspielsachen, Fahrräder, Bürostühle, hier ein paar Schuhe, dort eine verstümmelte Schaufensterpuppe.

Nur die sechs Japaner passen nicht recht ins Bild: Sie tragen schwarze Bundfaltenhosen und blütenweiße Hemden und kritzeln in Notizblöcke. Im Auftrag der staatlichen „Fire and Disaster Management Agency“ in Tokio sind sie fast um die halbe Welt gereist, um die Katastrophenforschungsanlage in der texanischen Provinz zu besichtigen. Außer der Universität, zu deren Verbund auch Disaster City gehört, gibt es in College Station hauptsächlich Rinder, Pferde, Kirchen und Straßen, die nach George Bush benannt sind. „Wir haben in Japan bekanntlich ein sehr hohes Erdbebenrisiko“, sagt Katsuhiro Miyakawa, der stellvertretende Direktor der japanischen Katastrophenschutzbehörde. „Und hier können wir von den Besten der Welt lernen, um uns auf den Ernstfall vorzubereiten.“

BHM 01-2023 Reportage - Disaster City

Luft, Feuer, Wasser, Erde – in Bezug auf alle Elemente kann hier in Texas trainiert werden. Übungen in Zusammenhang mit dem Klimawandel sind besonders stark gefragt.

„Das Training ist so lebensnah wie nur möglich“

Der Klimawandel lässt die Zahl der Naturkatastrophen steigen. Hinzu kommt die allgegenwärtige Gefahr von Terroranschlägen. Nach dem Wirbelsturm „Katrina“, der im Sommer 2005 den Südosten der Vereinigten Staaten verwüstete, gab das Heimat schutzministerium eine Studie in Auftrag, um zu klären, wie gut die USA grundsätzlich auf katastrophale Ereignisse vorbereitet sind. Das Ergebnis war niederschmetternd: Knapp drei Viertel aller Bundesstaaten und 90 Prozent der untersuchten Städte wurden als nicht hinlänglich vorbereitet eingestuft.

Braucht die moderne Welt einen Ort wie Disaster City?

Dave Phillips, Teamleiter der Feuerwehr von Lincolnshire in Großbritannien, hat gerade mit einer rund 50 Kilogramm schweren, Schmutzwasser spritzenden Kettensäge einen Betonblock zerteilt. Zufrieden wischt er sich Schweiß und Schmutz aus dem Gesicht und sagt: „Das Training hier ist so lebensnah wie nur möglich, aber es ist beruhigend zu wissen, dass die Decke nicht über einem zusammenkrachen kann.“ Der Engländer ist bereits zum zweiten Mal hier – diesmal hat er den Kurs „Fortgeschrittener struktureller Kollaps 5“ belegt. Er will üben, wie man durch stahlverstärkte Betonwände in einsturzgefährdete Gebäude dringt, ohne von der Wucht einer berstenden Stahlstange „in zwei Teile geschnitten zu werden“, wie er es ausdrückt.

„Im Ernstfall kann man schneller reagieren“

Der Unterricht besteht aus theoretischen Lektionen im Morgengrauen, gefolgt von zehn bis zwölf Stunden Schwerstarbeit bei sengender Hitze. Er stellt also alles andere als einen netten „Dienst-Urlaub“ dar, sondern bedeutet harte Arbeit. Am fünften Tag steht eine „realistische Übung“ auf dem Programm: ein Katastrophenszenario, das Phillips und die anderen Kursteilnehmer aus Großbritannien und Kanada ohne Anleitung bewältigen müssen. „Ohne das Training hier“, sagt er, „hätten wir den Einsatz in Haiti nicht auf dieselbe Weise bewältigen können.“ Es sei hilfreich, komplizierte Situationen schon einmal erlebt zu haben – auch wenn sie simuliert seien. So könne man im Ernstfall schneller reagieren. „Obwohl man Haiti natürlich nicht hiermit vergleichen kann“, fügt Phillips hinzu. Der Einsatz in Port-au-Prince sei sein bislang schwierigster gewesen, erzählt der Feuerwehrmann. „Das Härteste war, sich damit abzufinden, dass den meisten Opfern nicht mehr zu helfen war.“ Und dann der Geruch der Toten: „Unseren Leuten wurde regelmäßig schlecht davon.“

Einmal arbeiteten sich Phillips und sein Team in einen eingestürzten Supermarkt vor. Die Rettungshunde hatten kein Signal gegeben; Hoffnung, noch Überlebende zu finden, hatten die Feuerwehrleute deshalb nicht. Doch das Bild, das sich ihnen in den Trümmern bot, übertraf alle Befürchtungen: „Etwa 50 Menschenleiber lagen tot übereinander“, berichtet Phillips. „Sie alle hatten gekämpft, um sich zu befreien. Aber kein Einziger hat es geschafft.“

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BEDINGUNGEN WIE IN REALEN EINSÄTZEN Hier finden Einsatzkräfte absolut realistische Gegebenheiten für ihre Trainings vor.
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BHM 01-2023 Reportage - Disaster City
BHM 01-2023 Reportage - Disaster City

TIERISCHE STATISTEN
Oftmals ist es nötig, auch Tiere in den Ablauf einer Übung zu implementieren. In „Disaster City“ ist das kein Problem.

TECHNISCHE HILFELEISTUNG
Ein eigenes Team ist nur damit beschäftigt, Fahrzeuge für die vielen Trainings zu organisieren.

Jede Katastrophe entwickelt Disaster City ein Stück weiter

Doch lässt sich solch ein Schrecken auch trainieren? Hier in Disaster City haben die Kursteilnehmer neben allen Ernstes auch Spaß daran, Betonpfeiler mit Kettensägen zu traktieren. Aber wird ihnen das wirklich helfen, wenn sie bei einer realen Katastrophe dem Horror, dem Chaos und dem Elend gegenüberstehen? Oder ist die Katastrophenstadt nur ein teures, sehr amerikanisches Disneyland des Terrors?

Diese Frage stellt man am besten jenem Mann, der Disaster City erfunden hat. George Kemble Bennett (70) leitet die Fakultät für Ingenieurwesen an der Texas A&M University. Er sitzt in praktisch jedem Gremium, das sich mit Fragen der nationalen Sicherheit befasst. Bennett ist Direktor des „National Emergency Response and Rescue Training Center“ und Gründer des Elite-Rettungsteams „Texas Task Force 1“. In seinem wohnzimmergroßen Büro hängt ein Foto, auf dem er George W. Bush mit ausgestrecktem Arm den Weg weist, daneben ein Dankesbrief des US-Präsidenten vom 21. März 2002: „Unsere Nation wird Ihnen und Ihrem Team ewig dankbar sein für Ihren mutigen Einsatz am Ground Zero.“

„Schon möglich, dass Disaster City auf manche wie ein Disneyland wirkt. Die Retter kommen hierher und kämpfen gegen ein Feuer, dann gegen das nächste, dann brechen sie durch eine Betonwand, ihr Adrenalinspiegel steigt – und das ist völlig in Ordnung. Solange sie dabei etwas lernen, ist es nicht verboten, auch Spaß zu haben“, so George Kemble Bennett’s Antwort.

Die Trainer vor Ort sind unheimlich erfahren. Viele der geübten Szenarien haben sie schon in der Realität durchlebt.

Zwei weitere Ableger entstehen am Stadtrand von London und in Katar

Was Überschwemmungen, Hurrikane, Feuer und Ähnliches betreffe, seien Rettungsteams heute meist gut gerüstet, sagt Bennett. „Aber wenn es um Terrorismus geht, um explodierende Gebäude, massive Beton- und Stahltrümmer und um Massen von Opfern – wie bereitet man die Leute auf so etwas vor?“, fragt er. „Unseren Rettern wird immer mehr abverlangt und vor Disaster City gab es nirgendwo eine Möglichkeit, sie dafür zu trainieren.“ Als Ken Knight, der damalige Chef der Londoner Feuerbrigade, nach den Bombenanschlägen im Juli 2005 vor die Fernsehkameras trat, erklärte er, das Training in Disaster City habe seinen Leuten geholfen, richtig zu reagieren. Nun beraten Bennetts Ingenieure die englische Feuerwehr beim Bau einer ähnlichen Anlage am Stadtrand von London. Ein zweiter Ableger der Katastrophenstadt entsteht derzeit im Wüstenemirat Katar. „Dort fürchtet man sich eher vor Unfällen in der Öl- und Gasindustrie als vor Terroranschlägen“, so Bennett.

Mit jeder großen Katastrophe entwickelt sich Disaster City ein Stück weiter. So entdeckte Bennett die Vorlage für das kollabierte Parkhaus mit den zerdrückten Autos in Manhattan, einen halben Block von Ground Zero entfernt. Nach dem Wirbelsturm „Katrina“ bastelten die Katastrophen-Profis einen Berg aus Holztrümmern – das Vorbild waren zerstörte Wohnhäuser in New Orleans. Verschüttete Opfer zu lokalisieren sei für Suchhunde in Holztrümmern schwieriger als in Beton, erklärt Bennett, weil sich der menschliche Geruch im Holz stärker ausbreite. In Disaster City werden Hunde nun mit Statisten trainiert.

DER KÖRPER REAGIERT
Auch wenn in Disaster City „nur“ geübt wird, so mancher Teilnehmer stößt an seine Grenzen.

Experimente zur Leichensuche

Forscher der Texas A&M University testen derweil im Alligator-Teich neuartige Echo-Ortungssysteme, mit denen Wasserleichen leichter auffindbar sein sollen. Flächendeckend werden Highspeed-Kameras installiert, damit die Übungen sich künftig von einer Kommandozentrale aus koordinieren, aufzeichnen und hinterher analysieren lassen. Die Wissenschaftler nutzen auch jede Gelegenheit, ihre Experimente ins echte Leben zu übertragen: Als im März 2009 beispielsweise in Deutschland das Kölner Stadtarchiv einstürzte, reisten Abgesandte der Texas Task Force 1 mit der Roboterforscherin Robin Murphy nach Köln, um mit zwei Spezialrobotern die Trümmer zu untersuchen.

Schweißtreibend vor Beginn der Übung

Feuerwehrmann Phillips und seine Kollegen tragen schwere Uniform, Helm, Atemschutzmaske, Schutzbrille und Ohrenstöpsel; sie sind bereits durchgeschwitzt, ehe die „realistische Übung“ überhaupt erst beginnt. Instrukteur Jon Rigolo erklärt das Szenario: Ein Opfer – in diesem Fall die Stoffpuppe Mrs. McGillicuddy – muss aus dem zweiten Stock eines eingestürzten Bürogebäudes gerettet werden. Die Männer müssen sich durch mehrere, zum Teil gekippte Wände aus Metall, Beton und Holz bohren und die Löcher stabilisieren, bevor sie die Puppe erreichen können, die eingeklemmt unter einem Schreibtisch liegt. Es ist ein höllischer Kraftakt, die Luft glüht nahezu und als die Sägen und Bohrmaschinen zu arbeiten beginnen und Betonbrocken aus der ersten Wand brechen, wirkt es auf einmal nicht mehr wie ein Spiel. Rigolo klatscht in die Hände und brüllt: „Zwei Minuten Pause, trinkt Wasser!“ Die Feuerwehrmänner ziehen keuchend die Masken vom Gesicht. „Und können wir bitte mal den Ofen ausschalten?“, fragt ein Engländer mit hochrotem Kopf. Der Instrukteur schüttelt den Kopf und grinst. „Wir sind sowieso viel zu weich hier“, sagt er. „Der Normalfall ist härter.“

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