LEID UND FASZINATION

ZUGLEICH

Leid und Faszination zugleich

TEXT HERMANN KOLLINGER

Der Vulkan auf der zu Spanien gehörenden Insel La Palma kommt auch nach bald drei Monaten Aktivität nicht zur Ruhe Tausende von Gebäuden wurden bereits zerstört. Vulkanologen befürchten, der Ausbruch könnte sich noch über Monate hinziehen.

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IN WENIGEN MINUTEN WAR UNSER HAUS ZERSTÖRT«
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Ganze 50 Jahre „schlief“ der Vulkan auf der auch bei Touristen beliebten Insel La Palma, doch nun ist er wieder ausgebrochen und schickt feurige Lavaströme Richtung Küste. Schon gut zwei Monate wütet der Vulkan Cumbre Vieja mit zerstörerischer Urgewalt. Fortlaufend wird die Vulkaninsel von vielen schwachen und mittelstarken Erdbeben erschüttert. 

Lavafläche so groß wie 1.500 Fußballfelder

Einen offiziellen Namen hat der Vulkan in dem Gebiet Cumbre Vieja im Süden der Insel bisher nicht. Die bis zu 15 Meter dicke, schwarze Lavamasse wird Monate brauchen, um abzukühlen. Demnach waren bis Ende November insgesamt 1.065 Hektar von einer meterdicken Lavaschicht bedeckt. Diese Fläche entspricht fast 1.500 Fußballfeldern oder ca. 1,4 Prozent des Inselfläche. Dort wird jahrzehntelang weder gebaut werden können noch Landwirtschaft möglich sein, was übrigens die Haupteinnahmequelle der Insel ist. „Erst danach wird die Lava wiederum fruchtbaren Boden bieten“, heißt es auf dw.com. Bereits Ende September hatte der Hauptstrom der Lava das Meer erreicht und bildet seither eine neue Halbinsel, die bereits größer als 40 Hektar ist! Und damit wächst auch die Insel immer weiter. Auch wenn die ersten Auswirkungen der Lava auf die maritime Flora und Fauna „verheerend“ seien, erklärt Fernando Tuya, Experte für Biodiversität und Umweltschutz an der Universität Las Palmas de Gran Canaria, könnte das Ereignis auf lange Sicht jedoch „bereichernd“ sein. „Die Lava wird einen Felsen bilden, der Nährboden für eine Reihe von Meerestieren sein wird, die ihn in drei bis fünf Jahren besiedeln könnten“, so Tuya.

Ausbruch mit heftigen Explosionen

„Der Ausbruch hatte sich durch rund 6.600 kleine und mittlere Erdbeben und eine leichte Anhebung des Erdbodens angekündigt“, berichtet Wetter.com in einer Reportage. Die Behörden hatten die Menschen in der Nähe des Vulkangebiets aufgerufen, leichtes Gepäck mit ihrem Handy, wichtigen Dokumenten und eventuell benötigten Medikamenten vorzubereiten.

Ab 15.12 Uhr Ortszeit erschütterten am Sonntag, dem 19. September 2021, heftige Explosionen die Gegend der Cumbre Vieja im Süden der kleinen Insel, die ganz im Nordwesten der zu Spanien gehörenden Kanaren liegt. Rauch, Asche und Steine wurden in den Himmel geschleudert. Später schossen hunderte Meter hohe Feuerfontänen in den Nachthimmel.

SCHLICHT UND EINFACH NICHT AUFZUHALTEN Was auch immer von der Lava erfasst wird, ist unweigerlich verloren. Es rette sich, wer kann!

Mehr als 2.700 Gebäude verbrannten

Die ca. 1.300 Grad heiße Lava hat auf ihrem Weg Richtung Meer seit dem 19. September bereits 2.700 Gebäude verbrannt und zermalmt. Etwa 7.000 Menschen mussten aufgrund der Bildung von giftigen Gasen in Sicherheit gebracht werden. Um die Mengen an Schwefeldioxid etwas anschaulicher zu demonstrieren: Mitte November wurden allein innerhalb von 24 Stunden unglaubliche 43.000 Tonnen davon freigesetzt. Eingeatmetes Schwefeldioxid kann Husten, Atemnot sowie eine Entzündung der Atemwegsorgane und der Schleimhäute auslösen. Schwefeldioxid und auch Schwefelwasserstoff wirken beim Einatmen ab einer bestimmten Konzentration sogar tödlich.

Viele haben alles verloren. „Alles, was ich noch besitze, ist in dieser Tasche“, sagte die 46-jährige María Lorena Brito Rodríguez der Zeitung „El Mundo“. Auch ihr Haus unterhalb des Vulkans wurde von der Lava zerstört. Die Geschwindigkeit der Lavaströme hat jedoch zumindest abgenommen. Auch die Aktivität des Vulkans nimmt nahezu stetig ab. Zumindest einmal bis in die letzten Novembertage. Ein Ende der explosiven Tätigkeit ist aber nach Angaben von Experten zumindest kurzfristig nicht abzusehen. Darauf deuten demnach die zahlreichen Erdstöße hin, die in Tiefen von mehr als 30 Kilometern unterhalb des Lava und Asche speienden Berges immer noch registriert werden.

 

Ein Todesopfer

Trotz der heißen Lavaströme verlief das optisch faszinierende Naturschauspiel – stellt man, wenn auch schwer möglich, die menschlichen und naturlandschaftlichen Begleitaspekte einmal hinten an – relativ glimpflich. Bis Ende November wurde „erst“ ein Topdesopfer verzeichnet. Ein 70-Jähriger kam ums Leben, als das Dach seines Wohnhauses in der Gemeinde Los Llanos de Aridane einstürzte. Er wollte dieses von der Vulkanasche säubern, als es mit ihm einstürzte. Die Gemeinde befindet sich eigentlich im Sperrgebiet. Das heißt, regelmäßig dürfen Bewohner der evakuierten Häuser in das von Asche bedeckte Gebiet, damit sie etwa Dokumente oder andere dringend benötigte Dinge aus ihren Häusern holen können. Das geschieht meistens unter Aufsicht der Behörden. Letztere hatte dem Mann offenbar auch die Genehmigung für den Hausbesuch erteilt, nicht jedoch für die Arbeiten am Dach.

Die Kraft der Zerstörung lässt sich anhand der
Bilder nur erahnen. Der Lavastrom geht seinen Weg unaufhaltsam.

Lavaströme verursachen Wald- und Buschbrände

Die Feuerwehr muss unterdessen immer wieder ausrücken, um Busch- und Waldbrände zu bekämpfen, die durch den Vulkanausbruch am Rande der Lavaströme aufflammten. Auch Einheiten des spanischen Militärs wurden auf der Insel stationiert. 

Lebensgefährlich können auch die „Vulkanbomben“ werden. Das ist pyroklastisches Material, das während eines Ausbruchs zusammen mit den Lavafontänen aus dem Vulkan geschleudert wird. Außerdem regnet es in einigen Teilen der Insel unaufhörlich Asche. Ungünstige Winde trugen Unmengen an Vulkanasche auch in den Norden der Insel, wo die schwarzgraue Schicht die Landschaft überzog. Von einigen Häusern blieben nur noch Giebel und Schornsteine sichtbar.

 

Auswirkungen auf den Flugverkehr

Vulkanasche auf der Start- und Landebahn führt zu erhöhter Abnutzung bis hin zum Ausfall der Triebwerke beim Start sowie zu Problemen bei der Landung, insbesondere auf der 2.200 m langen Landebahn des Flughafens La Palma. Umkehrschub bei der Landung führt zu Beschädigungen der Triebwerke. Flug durch Wolken aus Vulkanasche, die man im Radar nicht sieht, erhöht die Abnutzung der Triebwerke und kann im Extremfall zum Ausfall der Triebwerke führen.

Am 24. September wurde der Betrieb am Flughafen La Palma ab dem Nachmittag eingestellt, da die Start- und Landebahn sowie die Rollwege mit Asche bedeckt waren. Zwar konnte der Flughafen am 26. September wieder geöffnet werden, doch vom 7. bis zum 9. Oktober war der Flughafen aufgrund der Ascheablagerungen erneut geschlossen. Zugleich erreichte ein Teil der Asche den Norden Teneriffas. Mehrere Flüge wurden von Teneriffa Nord auf den Südflughafen umgeleitet. Zu einer erneuten mehrtägigen Flughafenschließung kam es ab 20. November 2021.

 

Regen und Asche – Fatale Mischung

Große Sorgen bereitete per 27. / 28. November eine heranziehende Schlechtwetterfront. Ausgiebige Regenfälle würden sich mit der Asche vermengen, deren Gewicht erhöhen und womöglich die Dächer von Wohnhäusern und anderen Gebäuden zum Einsturz bringen. Die Lavaflüsse aus der Cumbre Vieja auf La Palma haben zum Teil an Intensität zugenommen. Am Nordwesthang des Vulkans bildete sich erstmals seit dem Ausbruch eine eindrucksvolle wie bedrohliche Fontäne. Die Weiterentwicklung bleibt also abzuwarten.

Schaulustige kommen mit Bussen um das Spektakel zu bestaunen während andere das Nötigste in Sicherheit bringen.

WENN ES ASCHE REGNET – Wo der Wind die Asche verbläst, dort gleicht La Palma einer Mondlandschaft.

Leid und Faszination

Das ungewöhnliche Naturspektakel bringt aber nicht nur Leid und Zerstörung, es bringt auch Unmengen an Touristen auf die Insel. Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen auf La Palma sind nahezu ausgebucht. Vor allem Spanierinnen und Spanier vom Festland oder von anderen Kanareninseln wollen den Ausbruch aus nächster Nähe beobachten. Shuttlebusse bringen die Vulkantouristen zu Aussichtspunkten im Westen von La Palma, von wo aus die Rauchwolken und Lavafontänen am besten zu beobachten sind. Natürlich profitiert die Insel von den schaulustigen Touristen, aber insgesamt bedeutet der Vulkanausbruch für die Wirtschaft der 85.000-Einwohner-Insel schwere wirtschaftliche Verluste. So zerstörte die Lava zahlreiche Bananen-Plantagen, die zu den Haupteinnahmequellen der Kanareninsel zählen.

„Wir schaufelten wie die Wilden.“

Bei einem Ereignis wie diesem klappt in der Handhabung von Abläufen nicht immer alles wie geplant. Ein Beitrag eines deutschsprachigen Anwohners im Forum von la-palma24.info: „Wir wurden evakuiert und kamen im Haus eines Freundes unter. Nun fahren wir regelmäßig über Fuencaliente nach Las Manchas und versuchen, die Dächer unserer Häuser von der Aschelast zu befreien und diesen Zustand so gut es geht zu erhalten. Neulich waren wir wieder in Begleitung zweier Helfer vom Roten Kreuz vor Ort. Heftiger Pyroklastenregen ließ uns die Aktion abbrechen. Wir telefonierten mit der Feuerwehr und gaben unseren Standpunkt durch. Wir schaufelten in Summe fünf Stunden wie die Wilden und bekamen doch nur Vordach und Garage aschefrei!“  

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