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UNTER DRUCK IM TUNNEL

Unter Druck im Tunnel

TEXT André Stangl   Fotos Hermann Kollinger

Am steirischen Erzberg wird für Einsätze trainiert, die niemand erleben will: Feuer im Tunnel, Nullsicht, Menschen in Gefahr.

Im Zentrum am Berg lernen Feuerwehrleute und andere Einsatzkräfte unter extremen Bedingungen ruhig, präzise und im Team zu handeln.

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Im Tunnel zählen Ruhe, Taktik und saubere Abläufe.
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Österreich ist reich an Tunneln. Sie führen durch Berge, verbinden Regionen und sind so selbstverständlich geworden, dass man ihre Risiken leicht unterschätzt. Dabei ist ein Brand in einer Tunnelröhre einer der anspruchsvollsten Einsätze überhaupt. Hitze staut sich, Rauch nimmt binnen Sekunden die Sicht, Fluchtwege werden lang und die Orientierung bricht weg. Was außerhalb eines Tunnels oft beherrschbar wirkt, kann unter Tage rasch zur hochkomplexen Ausnahmelage werden. Genau für solche Szenarien gibt es am steirischen Erzberg einen Ort, der in Österreich eine besondere Rolle einnimmt: das Tunnelkompetenzzentrum im Zentrum am Berg.

Tief in einem stillgelegten Bergwerksstollen ist dort eine Trainings- und Forschungsanlage entstanden, die Einsatzkräfte auf Lagen vorbereitet, die sich kaum irgendwo sonst so realistisch üben lassen. Rund vier Kilometer Tunnelsystem, zwei Straßentunnel, zwei Eisenbahntunnel, Querschläge, Stollen und moderne Technik machen die Anlage zu einem Ort, an dem der Ernstfall nicht nur erklärt, sondern praktisch erlebt wird. Genau darin liegt seine Bedeutung. Tunneleinsätze lassen sich nicht am Schreibtisch lernen. Sie müssen unter realistischen Bedingungen trainiert werden – mit Zeitdruck, eingeschränkter Sicht und einer Umgebung, die jeden Handgriff anspruchsvoller macht.

Wo Übung echt wird

Wer am Erzberg trainiert, erlebt keine sterile Standardsituation. Die Anlage ist darauf ausgelegt, die Realität so nah wie möglich abzubilden. Dunkelheit, Enge, hohe Temperaturen und dichter Rauch schaffen jene Bedingungen, die einen Tunnelbrand so gefährlich machen. Dazu kommen steuerbare Lüftungssysteme, mit denen unterschiedliche Rauch- und Luftströmungen simuliert werden können. Mal zieht der Rauch ab, mal breitet er sich unberechenbar aus. Genau diese Unterschiede entscheiden darüber, ob ein Einsatz geordnet abläuft oder in kurzer Zeit deutlich schwieriger wird.

Für die Feuerwehr ist das von großem Wert. Im Tunnel verändert sich alles: Wege wirken länger, Orientierungspunkte verschwinden und der Stress steigt sofort. Selbst erfahrene Einsatzkräfte müssen unter diesen Bedingungen anders arbeiten als bei einem Brand im Freien. Es geht nicht nur darum, Feuer zu bekämpfen. Es geht darum, ruhig zu bleiben, im Trupp sauber zu kommunizieren und in einer Lage zu funktionieren, die psychisch wie taktisch sofort fordert.

Die realitätsnahen Trainingsmöglichkeiten am Erzberg sprechen sich längst über Österreich hinaus herum: Inzwischen kommen vermehrt auch Anfragen aus dem Ausland in die Steiermark.

Feuer hat hier andere Regeln

Am Erzberg werden genau jene Szenarien trainiert, die im Ernstfall über Minuten und Menschenleben entscheiden. Ein brennender Pkw in einer Tunnelröhre ist dabei oft nur der Anfang. Schon daraus kann binnen kurzer Zeit eine dramatische Lage entstehen. Noch kritischer wird es, wenn mehrere Fahrzeuge beteiligt sind, Lastwagen Feuer fangen oder Menschen im Rauch eingeschlossen sind. Dann geht es nicht mehr um einen klassischen Löschangriff, sondern um ein präzises Zusammenspiel aus Brandbekämpfung, Belüftung, Suche und Rettung.

Die Trupps üben das Vorgehen unter Atemschutz, arbeiten mit Wärmebildkameras, trainieren Löschangriffe mit Wasser und Schaum und lernen, wie Tunnel nach einem Brand taktisch belüftet werden. Dazu kommen Szenarien mit Massenkarambolagen, brennenden Fahrzeugreihen und vermissten Personen. Betroffene müssen lokalisiert und aus dem Gefahrenbereich gebracht werden, während andere Trupps gleichzeitig den Brand unter Kontrolle halten. Genau diese Gleichzeitigkeit macht den Tunneleinsatz so anspruchsvoll. Nichts läuft der Reihe nach. Alles passiert parallel. Alles verlangt klare Entscheidungen und saubere Abläufe.

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Nullsicht beginnt dort, wo Routine endet.
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Technik, die mehr kann

Dass diese Ausbildung fachlich auf so hohem Niveau möglich ist, liegt auch an der technischen Ausstattung des Zentrums. Sensoren, Kameras, Brandsimulationsanlagen und steuerbare Lüftungssysteme erlauben es, unterschiedlichste Notfalllagen präzise aufzubauen und auszuwerten. Es können kleinere Brandereignisse ebenso dargestellt werden wie hohe Brandlasten, die in realen Verkehrstunneln aus Sicherheitsgründen kaum trainierbar wären. Das ist nicht nur für die Ausbildung ein Vorteil, sondern auch für Forschung und Sicherheitsentwicklung.

Denn am Erzberg wird nicht nur geübt, sondern auch getestet. Neue Sicherheitssysteme, Lüftungskonzepte und taktische Verfahren lassen sich hier im Maßstab 1:1 überprüfen. Das macht die Anlage zu einem Praxislabor, in dem Wissenschaft und Einsatzpraxis direkt zusammenkommen. Nach jeder Übung folgt die Analyse: Wo lief die Kommunikation sauber? Wo ging Zeit verloren? Welche Entscheidung war richtig, welche wäre im Ernstfall problematisch geworden? Gerade diese Nachbereitung macht aus intensiver Übung einen echten Lerngewinn.

Aus Katastrophen gelernt

Wie wichtig ein solches Zentrum ist, zeigt der Blick auf frühere Tunnelkatastrophen. Brände wie im Montblanc-Tunnel 1999 oder im Tauerntunnel 2001 haben drastisch gezeigt, wie schnell sich Feuer, Rauch und Hitze in geschlossenen Verkehrsräumen zu einer tödlichen Falle entwickeln können. Solche Ereignisse haben das Sicherheitsdenken in Europa nachhaltig verändert. Tunnel sind keine gewöhnlichen Einsatzorte. Sie verlangen spezielle Taktiken, gezielte Ausbildung und ein Maß an Vorbereitung, das deutlich über den Standard hinausgeht.

Dichter Rauch, hohe Temperaturen, enge Räume und kaum Sicht: Bei den Übungen am Erzberg trainieren Einsatzkräfte genau jene Herausforderungen, die Tunneleinsätze so anspruchsvoll machen – vom koordinierten Vorgehen im Trupp bis zur Menschenrettung unter Extrembedingungen.

Österreich hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit dem Zentrum am Berg steht eine kontrollierte Umgebung zur Verfügung, in der praktisch alle relevanten Aspekte eines Tunnelunfalls trainiert werden können – ohne reale Verkehrsbeeinträchtigung und ohne die Einschränkungen, die Übungen in echten Tunnelanlagen mit sich bringen. Getragen wird das Projekt von einer engen Partnerschaft aus Montanuniversität Leoben, Österreichischem Bundesfeuerwehrverband, VA Erzberg sowie Partnern wie ÖBB und ASFINAG. Einsatzkräfte aus ganz Österreich kommen nach Eisenerz, absolvieren dort Speziallehrgänge und tragen das Wissen zurück in ihre Feuerwehren.

Mehr als ein Trainingsort

Genau darin liegt die Stärke dieses Zentrums. Es ist nicht nur technisch beeindruckend, sondern ein wesentlicher Baustein für die Sicherheit im Ernstfall. Für Menschen, die täglich durch Tunnel fahren. Für Betreiber kritischer Infrastrukturen. Und vor allem für Einsatzkräfte, die unter schwierigsten Bedingungen funktionieren müssen.

Hier wird nichts verklärt. Hier wird vorbereitet – präzise, realistisch und mit hoher fachlicher Qualität. Das Tunnelkompetenzzentrum am Erzberg zeigt, wie moderne Feuerwehrarbeit heute aussieht: als Zusammenspiel von Teamarbeit, Taktik, Technik und mentaler Stärke. Und es zeigt, dass gute Entscheidungen im Einsatz lange vor dem Alarm beginnen – dort, wo man den Ernstfall trainiert, bevor er Wirklichkeit wird.

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