Der Schönste

Job der Welt

Der schönste Job der Welt

INTERVIEW  GERNOT FRIESCHER
FOTOS PRESLEY PRITCHARD

Es ist schon ein sehr gutes Gefühl, wenn man einen Beruf ausübt, der nicht nur hilft die Rechnungen zu bezahlen, sondern einem auch noch Sinn, Freude und Bereicherung gibt. Presley Pritchard ist eine US-Feuerwehrfrau, die ihren Job über alles liebt. Dabei musste sie als Frau zahlreiche Hürden und Schwierigkeiten bewältigen, um ihr Ziel zu erreichen. Wir haben uns mit Presley unterhalten, um andere Frauen zu ermutigen, sich in den Dienst der Feuerwehr zu stellen – auch wenn das nicht immer ganz einfach ist.

INTERVIEW  NBC UNIVERSAL INTERNATIONAL 
FOTOS SINESS PRODUCTIONS LLC. ©UNIVERSAL TV

Egal ob auf der Bühne, im Kino oder im TV – Schauspieler imitieren das Leben. Manchmal abstrakt und mit viel künstlerischem Einfluss, ein anderes Mal atemberaubend realistisch. Die mehrfach prämierten Serien „Chicago Fire“ und „Chicago Med“ von Universal TV zählen zu den beliebtesten Reality-Serien – und das nicht ohne Grund! Professionelle Einsatzkräfte coachen das Filmteam und schulen die Schauspieler penibel genau, um ein Höchstmaß an Authentizität zu gewährleisten. Eine dieser Coaches, Rettungssanitäterin Michele Martinez, gewährt Einblicke in das Training und stand für ein Interview zu Verfügung.

Hallo Presley, kannst du dich unseren Lesern bitte ein wenig vorstellen.

Mein Name ist Presley Pritchard und ich lebe in Kalispell, Montana, USA. Ich bin Mutter von zwei lieben Töchtern und bin jetzt seit 7 Jahren Feuerwehrfrau. Als ich 16 Jahre alt war, begann ich mich für die Arbeit von Feuerwehrleuten zu interessieren. Ich ging dem Vorhaben nach, indem ich in meiner Stadt ein Entdeckerprogramm für Kinder startete und leitete, das die Techniken der Brandbekämpfung erklären soll. Ich komme ursprünglich aus New York, bin aber 2009 nach Montana gezogen. Ich liebe Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Kajakfahren, Camping, Schneeschuhwandern, Snowboarden, Wakesurfen oder Paddeln. Natürlich bin ich auch eine Vollblut-Mutter und liebe es, mit meinen Kindern Zeit zu verbringen.

Wann hat dich die Begeisterung zur Feuerwehr dann so richtig erwischt?

Ich bin in New York aufgewachsen, wo der größte Teil meiner unmittelbaren Familie entweder bei Militär-, Feuerwehr- oder Strafverfolgungsbehörden tätig war. Ich komme also aus einer Familie des öffentlichen Dienstes. Ich bin mit meinem Vater quasi im Feuerwehrhaus aufgewachsen. Er ließ uns jedes Jahr bei ihren Spendenaktionen arbeiten oder für die Mannschaft kochen. Ich fand den Ort, die Geräte und die Tätigkeiten wahnsinnig faszinierend. Ich habe auch einen Onkel, der am 11. September arbeitete, und wurde von all den tapferen Männern und Frauen inspiriert, die in die Gebäude stürmten, als alle anderen davonliefen. Seit der dritten Schulklasse wusste ich, dass ich Feuerwehrfrau werden möchte.

Bei welcher Feuerwehr versiehst du deinen Dienst und wie ging der Aufnahmeprozess vor sich?

Leider bin ich seit August 2019 nicht mehr aktiv. Ich bin neben meinem Job als Feuerwehrfrau auch Kraftsportlerin, Ernährungsberaterin und persönlicher Fitnesscoach. Da ich sehr aktiv auf den sozialen Medien bin, wurde mir unterstellt, ich würde das Feuerwehrwesen mit zu erotischen Fotos in Missgunst bringen und wurde gefeuert. Da ich mich jedoch unfair behandelt fühle, wird das gerade juristisch geklärt. Ich will unbedingt wieder in meinem Job als Feuerwehrfrau tätig werden. Aufgrund meiner zahlreichen Zusatzausbildungen und dem Abschluss der Firefighter Academy war ich eines der bestausgebildetsten Mitglieder meiner Wache. Bis dahin werde ich mich nicht mit „normal“ zufrieden geben und helfe Anderen ihre sportlichen Ziele zu erreichen.

Wie reagierten deine Familie bzw. dein Umfeld auf deinen Berufswunsch?

Ich glaube, meine Familie war überrascht, dass ich Rettungssanitäter und Feuerwehrfrau werden wollte, weil ich als Kind immer sehr ängstlich war. Ich habe immer geweint, wenn ich Blut gesehen habe oder Panikattacken bekommen. Aber als Erwachsene habe ich dieses Gefühl der Ruhe in Notfällen entwickelt. Durch mein Interesse und viele Schulungen wurde ich trotz anfänglicher Sorgen zu einem Profi.

Welche Ausbildungen sind das zum Beispiel?

Ich denke, dass wir in den USA ziemlich unterschiedliche Richtlinien und Ausbildungsschwerpunkte gegenüber euch in Deutschland haben. Ich habe auf jeden Fall meine Feuerwehrmann I & II Zertifizierungen, die Sanitäterlizenz, die nationale Registrierungszertifizierung, die Eiswasserrettung, EPC, PHTLS, ACLS, PALS, BLS -HCP, Lead Instructor Endorsement und viele andere. Meine Funktionen in der Schicht waren unterschiedlich. Hauptsächlich war ich als leitender Sanitäter im Dienst oder auch als diensthabender Offizier. Ich habe auch alle Schulungen absolviert, um den Fuhrpark zu warten, was mir ebenfalls große Freude bereitet. Ich hatte also vielseitige Funktionen.

Du bist auch eine sehr erfolgreiche Kraftsportlerin. Wie kam es dazu?

Ich war seit meinem 4. Lebensjahr an der Joe Palumbo Soccer Academy in New York. Ich habe Fußball geliebt und während der gesamten Schulzeit wettbewerbsfähig gespielt. Ich bekam meine erste Tochter, als ich 20 wurde und war eine Zeit lang Läuferin, weil ich Sport treiben wollte. Ich nahm an Marathons teil und genoss Herausforderungen wie das Spartan Race mit Hindernissen. Dies war meine bevorzugte Übung für ein Jahr, bis ich mit meiner zweiten Tochter schwanger wurde. Nach ihrer Geburt stellte ich fest, dass ich schwach geworden war und viel von meinen Muskeln durch meine Fußballspieltage verloren hatte. Ich beschloss mit dem Gewichtheben zu beginnen, nachdem ich eine Leidenschaft für den Kraftsport entwickelt hatte und es mich faszinierte, wie man seinen Körper verändern kann. Meine Lieblingsdisziplin ist mittlerweile das Gewichtheben und auch hier nehme ich an Powerlifting Wettbewerben teil.

Wie kann man sich eine durchschnittliche Trainingswoche bei dir vorstellen und welche Erfolge hast du bereits erreicht?

Ich belegte mehrmals den ersten Platz in meiner Gewichtsklasse im Kreuzheben und Bankdrücken und habe in Montana Staatsrekorde für meine Gewichtsklasse aufgestellt. Anscheinend habe ich auch Weltrekorde für die Frauenpolizei und die Feuerwehr aufgestellt, wie ich später erst erfuhr. Ich habe viele Preise mit meiner Fußballmannschaft „erspielt“, darunter als einer der besten Torschützen des Staates, als ich in der High-School war. Meine durchschnittliche Trainingswoche ist derzeit ein Lifting-Split – das heißt, ich trainiere momentan einzelne Körperpartien speziell heraus. Das tue ich an 6 Tagen pro Woche und lasse dafür das Kardiotraining aus, um mehr Muskelmasse aufbauen zu können. Das Ausdauertraining fängt dann im Sommer wieder an, um Fett abzubauen.

Nun sind wir natürlich neugierig, welche Gewichte du dabei so bewegst?

Das maximale Gewicht der Kniebeuge beträgt 140 kg. Beim Bankdrücken schaffe ich 70 kg, hier gehe ich jedoch aufgrund einer Brustoperation nicht an meine Leistungsgrenzen; beim Kreuzheben schaffe ich auch 140 kg.

Wie hälst du dich speziell für den Dienst bei der Feuerwehr fit?

Um mich für die Feuerwehr fit zu halten, habe ich immer das Heben von Gewichten für ideal empfunden. Ich mache auch funktionelles Training wie Sprungbewegungen, Drücken und Ziehen schwerer Gegenstände und einige Powerlifting Techniken sowie Ausdauertätigkeiten wie Wandern, Klettern und Sprintintervalle. Alle diese Übungen haben nämlich einen Bezug zur Arbeit im Dienst.

Wie würdest du die Präsenz von Frauen bei der US-Feuerwehr einschätzen?

Die USA sind weit hinter der Zeit zurück, wenn es darum geht, aus der Mentalität des „guten alten Männerclubs“ herauszukommen. Es gibt weit weniger als 10% weibliche Feuerwehrleute, ich glaube der Wert ist sogar eher bei 3-5 %. Ich habe seit meinem 16. Lebensjahr für zahlreiche Dienste gearbeitet und festgestellt, dass es leider doch sehr oft vorkommt, dass Frauen als Feuerwehrleute belästigt, herabgesetzt, verspottet oder unterbewertet werden. Dies sind meine Erfahrungen sowie die Erfahrungen vieler Freundinnen, die auch im Dienst sind. Ich bin der Meinung, dass wir in Bezug auf Gleichstellung weit hinter der Zeit zurückliegen, in der dies niemals ein Thema sein sollte, was aber leider nicht der Fall ist. Ich denke, Männer werden nicht nur von starken Frauen eingeschüchtert, unsere Kultur hält es überhaupt nicht für möglich, dass wir in Lage sind, die gleichen Aufgaben wie Männer zu erfüllen.

Kannst du sagen, was für dich die unangenehmste Erfahrung als Feuerwehrfrau war und was dir Kraft und Zuversicht gibt? 

Ehrlich gesagt glaube ich, dass die unangenehmsten Erfahrungen traumatische Todesfälle sind, besonders von Kindern. Ich war in zahlreiche Unfallszenarien involviert und ich hasse das Gefühl mit diesen Bildern im Kopf nachhause zu kommen. Das würde ich niemandem wünschen. Es braucht eine starke Persönlichkeit, um anderen während einer Tragödie zu helfen und ein paar Stunden später wieder völlig normal zu „funktionieren“. Ich würde sagen, das ist der schlechteste Teil des Jobs für mich. Ich bekomme Kraft und Freude in meinem Glauben als Christin. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Schmerz und jede Tragödie, die wir erleben, das Potenzial hat, dass etwas Gutes daraus hervorgeht. Ich finde auch Kraft darin, tief im Inneren zu wissen, dass diese Arbeit meine Berufung ist. Ich habe mit mehreren Kindern, Teenagern und Erwachsenen am Rande des Selbstmordes gesessen und sie beruhigt. Ich habe Babys gehalten, deren Eltern sie niemals aufwachsen sehen werden. Ich habe mit älteren Menschen auf dem Rücken eines Krankenwagens auf ihren Sterbebetten gebetet. Ich finde Kraft und Freude darin zu wissen, wer ich bin und dass ich anderen in schweren Momenten helfen kann.

Was rätst du Frauen, die ihren Dienst bei der Feuerwehr versehen möchten?

Hart zu arbeiten! Es wird nicht einfach. Du wirst mit Männern konkurrieren und die sind natürlich stärker und größer. Frauen haben einzigartige Eigenschaften, die sie zu ihrem Vorteil nutzen können, wenn sie lernen, sie zu fördern. Lass sexuelle Belästigungen oder Äußerungen NIEMALS unbemerkt. Was du am Anfang zulässt, wird fortgesetzt. Ich erzähle Frauen das, weil mir viele Frauen sagen, dass sie „zu ängstlich“ waren, um sich zu äußern, weil sie eine Position wollten und gemocht und geschätzt werden wollten. Der Wert liegt nicht darin, wie wir aussehen, sondern darin, wie wir unsere beruflichen Fähigkeiten umsetzen und ausführen. Natürlich ist es für uns Frauen in der Feuerwehr enorm wichtig, fit zu sein, denn wir müssen im Dienst so gut wie möglich mit den Leistungen der männlichen Kameraden mithalten können. Ich hatte und habe es als Frau sehr schwer, aber wenn man es geschafft hat einen Job zu bekommen und in einer Mannschaft gleichwertig aufgenommen wurde, dann ist es der schönste Job der Welt