3 LÄNDER

ÜBUNG

3 LÄNDER ÜBUNG

TEXT CHRISTOPH GRUBER
FOTOS FF KREMS

Dass sich mehrere Feuerwehren für eine Einsatzübung zusammenschließen, um so die Zusammenarbeit zu trainieren oder ein größeres Szenario überhaupt abarbeiten zu können, ist alles andere als außergewöhnlich. Dass sich jedoch Feuerwehren aus Österreich, Deutschland und Polen zusammenschließen, um über die Grenzen hinweg zu kooperieren, allerdings schon. Mit Wasser wird überall gelöscht, doch Taktik, Technik und Führungssysteme sind häufig unterschiedlich – Anlässe genug, sich dahingehend auszutauschen.

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Flexibilität und Teamfähigkeit
galt es zu trainieren!
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Feuerwehrkräfte unterscheiden sich weltweit oftmals durch Ausrüstung, Uniform, Führungssysteme oder Taktik. Allen erfolgreichen Feuerwehren ist aber eines gemeinsam: Sie zeichnen sich durch Flexibilität und Teamfähigkeit aus. Die Aufgaben im Feuerwehrdienst können nur gemeinsam im Team gelöst werden. Um genau diese Kernkompetenzen zu trainieren, führte die Feuerwehr Krems inzwischen zum zweiten Mal eine internationale Übung durch.

16 Wehren mit etwa 160 Kräften in Straszecin

Neben vier niederösterreichischen Feuerwehren und der Partnerwehr Böblingen waren die Gastgeber aus Polen mit neun freiwilligen Feuerwehren vertreten. Im Rahmen der Übung mit dem Namen „Polex“ nahmen rund 160 Mitglieder von 16 Feuerwehren aus Österreich, Deutschland und Polen im polnischen Bezirk Debica teil. Gastgebend fungierte die Partnerfeuerwehr der Kremser Wehr in Straszecin.

Ausbilden mit Fun-Factor

„Die angebotene Ausbildung sollte in der Fläche wirken“, weiß Christoph Gruber von der Feuerwehr Krems einleitend. Festigungsstufe war die Zielgruppe, mit dem besonderen Fokus auf lösungsorientiertes Arbeiten über die Grenzen der eigenen Fahrzeuge und Sprachen hinweg. „Dass gerade bei so jungen Teams der Spaß auch nicht zu kurz kommen darf, versteht sich von selbst“, sagt Gruber weiter. Team-Building ist eine der wesentlichen Aufgaben für Führungskräfte – mit einem stabilen, motivierten Ziel sind alle Ausbildungsinhalte erreichbar. Die hohe Motivation und enorme Leistungsfähigkeit zeichnen hier die freiwilligen Feuerwehren bekanntlich besonders aus.

Aufbruch zu anspruchsvollen Tagen

Offizieller Start der Polex war am Donnerstagmorgen um 6:00 Uhr früh. Pünktlich verließ der Konvoi der Übungsteilnehmer der Feuerwehren Krems, Amstetten, Böblingen, Guntramsdorf, Maria Enzersdorf, Mödling und St. Pölten-Stadt das Gelände der Feuerwehr Krems und machte sich auf den Weg in das knapp 700 km entfernte Straszecin. Bereits im Vorfeld wurden die Übung und der Fahrweg über das Innenministerium bei den zuständigen Behörden im Ausland angemeldet, weshalb es ab der Grenze zu Tschechien durchgehend eine Eskorte durch Feuerwehr und Polizei gab sowie der Konvoi mit Sondersignal unterwegs war.

Aufgrund der perfekten Organisation des Mot-Marsch-Leiters Dominik Kormesser trafen die Übungsteilnehmer gegen 16:30 Uhr am Gelände der Volksschule in Straszecin ein. Hier schuf ein neunköpfiges Vorauskommando bereits seit zwei Tagen die perfekte Unterkunft für die fast 100 Übungsteilnehmer aus Österreich und Deutschland und bereitete einen explosiven Empfang vor. Andreas Herndler, der Leiter des Vorauskommandos, zeigte sich zufrieden: „Dank der tollen Unterstützung durch unsere polnischen Partner ist hier ein tolles Camp entstanden, das es uns erlaubt, 200 Teilnehmer sowie Besucher zu verpflegen und unterzubringen.“ Es folgten der Aufbau des Camps, die Herstellung der Übungsbereitschaft sowie die Ausgabe der Tagesbefehle. Letztere ließen eines sofort klar werden: es würden zwei anspruchsvolle Übungstage folgen.

TEILNEHMENDE FEUERWEHREN

Feuerwehr Krems
Feuerwehr Amstetten
Feuerwehr Böblingen
Feuerwehr Guntramsdorf
Feuerwehr Maria Enzersdorf
Feuerwehr Mödling
Feuerwehr St. Pölten – Stadt
OSP Straszecin (Gmina Zyraków)
OSP Stasiówka (Gmina Debica)
OSP Zawada (Gmina Debica)
OSP Paszczyna (Gmina Debica)
OSP Brzeznica (Gmina Debica)
OSP Zyraków (Gmina Zyraków)
OSP Nagoszyn (Gmina Zyraków)
OSP Pilzno (Gmina Pilzno)
OSP Lipiny (Gmina Pilzno)

Erster zwischenmenschlicher Austausch

Der erste Abend wurde gemütlich in der Gartenlaube verbracht. Als besondere Gäste wurden Kinder aus einem nahegelegenen Kinderheim eingeladen und, von den Feuerwehrmitgliedern vorab gesammelte, Sachspenden übergeben. Bei den Reisenden zeigten sich aber die Strapazen der langen Anfahrt, denn bereits um 22 Uhr fand man die meisten Übungskräfte auf ihren Feldbetten in den Klassenzimmern.

Ein Szenario nach dem anderen im Drei-Stunden-Takt

Freitagmorgen ging das Programm dann richtig los. Pünktlich um 8 Uhr verließen die Gruppen die „Base of Operations“ zu den Übungsorten im Umkreis von 20 km. Zusätzlich zu den bereits anwesenden internationalen Kräften ergänzten die Kameraden der polnischen Feuerwehren Stasiówka, Zawada, Paszczyna, Brzeznica, Straszecin, Zyraków, Nagoszyn, Pilzno und Lipiny das Kontingent der Übungsteilnehmer. Je drei Löschgruppen der deutschsprachigen und drei der polnischen Feuerwehren absolvierten gemeinsam ein Szenario nach dem anderen, wobei alle drei Stunden ein Wechsel erfolgte.

Szenario Verkehrsunfall Bei der Station „Verkehrsunfall“

wurden die Einsatzkräfte auf allen Ebenen gefordert. Ein Autobus schob sich auf einen Pkw, mehrere Personen waren sowohl im Bus als auch im zerquetschten Pkw eingeschlossen. In zwei weiteren Fahrzeugen waren ebenfalls Personen eingeschlossen, auf einem Auto lag eine Betonplatte. Noch während der Erkundung kam es zu mehreren Explosionen und Fahrzeuge standen in Brand.

„Rasch galt es, die Führungsstruktur aufzubauen und mit den vorhandenen Mitteln und Kräften das Szenario abzuarbeiten“, erläutert Gruber diese Aufgabe. „Zur Bekämpfung des Pkw-Brandes wurde zu Versuchszwecken das Löschmittel F500 verwendet, da hier auch Magnesiumteile entzündeten. Ebenso wurde zum Experimentieren mit akkubetriebenen Rettungsgeräten gearbeitet!“

Die Einsatzleiter hatten hier mit mehreren Erschwernissen zu arbeiten: Vom Einsatzbeginn weg waren zwei bzw. vier Löschgruppen einsatzbereit und mussten sofort eingeteilt werden. Die Mannschaften waren mit unvertrautem Fahrzeug sowie Gerät konfrontiert und mit der Hälfte der Mannschaft konnte nur in Englisch oder via Dolmetsch kommuniziert werden. Kommandant Urschler zeigte sich dennoch zufrieden: „Diese Übungen waren ohne Zeitdruck gedacht, damit ein Entwicklungsprozess möglich war. Es war spannend zu sehen, wie hier Gruppenkommandanten die Wandlung zum Zugskommandanten vollzogen haben!“.

Bei dieser Station waren vor allem die internationale Zusammenarbeit und das Teamwork besonders eng. Improvisationstalent und Know-how wurden von allen Teilnehmern abgefragt. Die Aufgaben waren ausschließlich gemeinsam, in Zusammenarbeit mehrerer technischer Gruppen, zu lösen.

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Internationaler Austausch bringt
neue Ideen und Lösungsansätze.
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Szenario Vegetationsbrand

Die deutlich gestiegene Anzahl an Vegetationsbränden lässt manche trefflich darüber streiten, wer Schuld wäre – die Feuerwehren handeln bereits! „Unsere Techniken und Taktiken werden derzeit auf Verbandsebene evaluiert und verfeinert. Internationaler Austausch bringt neue Ideen, die an unsere Vegetation und Ausrüstung angepasst werden muss“, weiß der Kremser Feuerwehrmann. Hier hat sich an einem Seegrundstück ein ideales Übungsgelände ergeben. Den See im Rücken und durch eine Riegelstellung der polnischen Wehren auf der anderen Seite wurde ein abgeschlossenes Testgelände geschaffen, wo in mehreren Durchgängen unter Laborbedingungen unterschiedliche Löschtechniken erprobt werden konnten. Angefangen von der Kübelspritze, über Rückenspritzen, Sprühgeräte, Feuerpatschen und Laubbläser wurde Bewährtes, Neues und Innovatives verglichen. Kleine Tragkraftspritzen kamen genauso zum Einsatz, wie Tanklöschfahrzeuge im Pump-and-Roll-Betrieb, um Flächenbrände zu löschen. Die Mannschaften waren mit Eifer bei der Sache, die Auswirkungen der unterschiedlichen Löschgeräte wurden kritisch beäugt.

Auch Faltbehälter als Wasserpuffer wurden besonders intensiv begutachtet. Die Kommandofunktionen führten hier im Selbstversuch zusätzliche Belastungsproben durch, der Stabilität der Faltbehälter wurde hier besonderes Augenmerk geschenkt. Augenscheinlich ist eine Kombination mehrerer Gerätschaften zielführend. Die gute alte Feuerpatsche bleibt weiterhin unumstritten. Die richtige Kombination zur Ausbringung von Löschwasser muss noch gesucht werden.
D-Hohlstrahlrohre und Löschrucksäcke werden noch einer weiteren Materialprüfung unterzogen.

Szenario Bauernhofbrand

Ein Flurbrand breitete sich vor einem abgeschiedenen Bauernhof aus. Aufgrund der Verrauchung konnten einige Personen die Gebäude nicht mehr verlassen. Die Zufahrt für Löschfahrzeuge war nur begrenzt gegeben. Von der nächsten Löschwasserentnahmestelle waren ein Höhenunterschied von etwa 70 m und eine Länge von ungefähr 700 m zu überwinden. Aufgrund der erschwerten Zufahrt wurde der Einsatzleiter zuerst zur Erkundung entsandt, um die Kräfte gezielt einteilen zu können.

In der Zwischenzeit breitete sich die Lage aus und durch Funkenflug kam es in einem Gebäude des Bauernhofes, in dem Personen eingeschlossen waren, zu einem Brand. Zusätzlich machte sich eine verunfallte Person am Turm des Bauernhofes bemerkbar. Der Zugang über Stufen war jedoch bereits abgeschnitten und der Flurbrand breitete sich weiter aus.

Von allen Übungskräften wurden professionell die Grundlagen von Außenbrandbekämpfung, Löschwasserförderung über lange Strecken, einfache Rettung aus der Höhe und Atemschutzeinsatz inklusive Notfall angewandt. Die Löschwasserförderung war aufgrund der schwierigen Geländesituation nicht unproblematisch, so mussten auch Löschfahrzüge wieder aus dem tiefen Gelände geborgen werden.

Drei unterschiedliche Übungsszenarien im Umkreis von 20 Kilometer wurden den Kameraden als Übungsgrundlage vorgegeben. Danach ging es mit straffem Zeitplan zur Sache.

Gemütlichkeit ist ein Muss

Die Versorgung der Einheiten erfolgte an den Übungsstationen, eine warme Mahlzeit zu Mittag war willkommen. Nach Abschluss der Übungen erreichten alle Einheiten um 17:30 Uhr pünktlich nach Plan das Quartier und stellten die Einsatzbereitschaft wieder her. Gemeinsam ließ man den Abend kameradschaftlich in Kooperation mit Böblinger Bier, Kremser Wein und polnischem Wodka ausklingen.

Kraftakt und Kreatives am zweiten Tag

Frisch und munter ging es am Samstag in den nächsten Übungstag. Wieder um 8 Uhr starteten dieses Mal gleich zwei Stationen parallel für die Teilnehmer der 16 Feuerwehren. Rund um die Unterkunft gab es einen Bewerb im Team-Building zu bewältigen. Bei den Stationen TLF-Pulling, Wassertransport, Schlauchbrücke und Spreizer-Jenga galt es kreativ im Team den richtigen Lösungsansatz zu finden. Um den Wettbewerb zu stärken, bewertete eine harte, unbestechliche Jury die Lösungsansätze. Die Teams aus Amstetten und Pilzno wurden als Sieger von der Jury auserkoren. Es waren sich aber alle Teams einig, dass sie definitiv für sich gewonnen haben und viel Spaß bei der Lösung der Aufgaben hatten.

Brandheiße Feuerpraxis im Container

Etwas entfernt von der Unterkunft wurde ein Echtholz-befeuerter Brandcontainer aufgestellt, in dem ein Innenangriff simuliert wurde. Nach einer kurzen Grundunterweisung in Brandverlauf und Strahlrohrtechniken konnte jeder Atemschutztrupp im Innenangriff sein Wissen auffrischen oder erlangen. Für einige, vor allem junge, Kameraden war es der erste direkte Kontakt mit Feuer in ihrer Karriere bei der Feuerwehr. Wie schnell die Feuerwehr reagieren kann, zeigte sich, als während der Stehzeiten bei beiden Gruppen überraschend ein Auto zu brennen begann. Rasch wurde reagiert und ein Löschangriff vorgenommen.

Auch Gerhard Urschler, Kommandant der Feuerwehr Krems, ließ es sich nicht nehmen, den Brandcontainer zu testen: „Ich wollte unbedingt wissen, wie gut sich die neue Ausrüstung bewährt. Technische Daten sind eines, Praxiserfahrung unbezahlbar. Die Überdruckgeräte sind unglaublich angenehm zu tragen, einzig bei der Kommunikationstechnik sehe ich noch Verbesserungspotential“, so Urschler nach seinem schweißtreibenden Durchgang im Brandhaus.

Die begrenzte Zufahrt zu einem Bauernhofbrand erschwerte die Situation für die Kameraden. Wesentlich angenehmer gestaltete sich stets das gemeinsame Essen bei bester Stimmung.

Übungsgebäude spektakulär in Flammen

Nach der Mittagspause machten sich alle Übungsteilnehmer gemeinsam auf den Weg zur Abschlussübung. Die Lagemeldung war eine Rauchentwicklung aus einem abgeschiedenen Haus. Bereits auf der Zufahrt des Einsatzleiters kam es zu einer Behinderung. Zwei Bäume versperrten die Zufahrt und verzögerten das Eintreffen der Löschfahrzeuge. Im Zuge der Erkundung kam es zu mehreren Explosionen und das Gebäude stand in Vollbrand. Seitens der Einsatzleitung wurden, als die Straße frei war, nun einige Tanklöschfahrzeuge vorgezogen und ein Löschangriff durchgeführt. Von weiteren Gruppen wurde eine ca. 1,4 km lange Zubringleitung gelegt und bis zum Beginn ein Pendelverkehr eingerichtet. Der Brand selbst war rasch gelöscht, aber zum Test der Leitung wurden noch 25.000 Liter Wasser zum Übungsobjekt befördert. Im Anschluss daran wurde der Keller mit Schaum geflutet und das Gebäude noch mit Druckluftschaum eingedeckt.

Alles hat ein Ende

Nach einem Gruppenfoto aller Übungsteilnehmer ging auch die letzte Übung von Polex zu Ende. Als Zeichen der Teilnahme an dieser einmaligen Aktion verliehen Gerhard Urschler und Wladyslaw Radzik an jeden Teilnehmer eine „Erinnerungsmedaille Polex“. Der folgende Sonntag lag dann im Zeichen der Rückreise. Früh morgens begann der Rückbau des Camps und die Verladung von Ausrüstung und Gerät. Kurz vor der Abfahrt wurde in der wunderschönen Felsengrotte von Straszecin eine Feldmesse abgehalten, ehe um 9 Uhr der Konvoi – bestehend aus 25 Fahrzeugen, zwei Anhängern und einem Teleskoplader – sich wieder auf die Rückreise nach Österreich machte.

Zehn Stunden später trafen die Übungsteilnehmer in Krems ein, wo rasch die Einsatzbereitschaft hergestellt wurde und noch mit den Gästen aus Böblingen, welche am Montag die restliche Heimreise antraten, der Abend verbracht wurde.