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MUTIGE HELDEN

IN DER DUNKELHEIT

MUTIGE HELDEN IN DER DUNKELHEIT

TEXT HERMANN KOLLINGER
FOTOS BERGWACHT

Die Rettung aus Höhlen ist für die Einsatzkräfte eine ganz besondere Challenge. Wer Platzangst hat, ist hier fehl am Platz. Aber auch die trainierten Retter müssen in Übung bleiben. Aus diesem Anlass absolvierten 79 Höhlenretter eine nationale Rettungsübung in drei Höhlen am Müllnerberg und auf der Bürgermeisterhöhe im Bereich Bad Reichenhall und Schneizlreuth in Bayern.

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Durch 16 Meter hohe Schächte und sehr enge Canyons ging es Stück für Stück zurück ans Tageslicht.
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Die Organisatoren Guido Fick (Bereitschaftsleiter Bergwacht Freilassing) und Hubert Mayer (Ressortleiter Höhlenrettung Bergwacht-Region Chiemgau) blicken auf ein spannendes Spätsommer-Wochenende und eine lehrreiche dreitägige nationale Höhlenrettungsübung im Müllnerberg oberhalb des Saalachsees zurück, die die heimische Bergwacht für den Höhlenrettungsverbund Deutschland (HRVD) aufwendig vorbereitet und ausgetragen hat.

Komplex und personalintensiv

„Wie die aktuellen Medienberichte über den schwierigen Rettungseinsatz aus 1.000 Metern Tiefe in der südtürkischen Morca-Höhle zeigen, ist solch ein komplexes und personalintensives Szenario gar nicht so abstrakt wie man vielleicht meinen möchte und kann jederzeit und überall ohne Vorwarnung wieder passieren“, erklärt Fick, der nach den Rettungen aus dem Untersberg-Riesending (Juni 2014) und der Jack-Daniels-Höhle (August 2014)  im Tennengebirge weiß, wie wertvoll ein nationales und internationales Spezialisten-Netzwerk ist, um auch solch zunächst unmöglich anmutende und aufwendige Rettungen gemeinsam meistern zu können. Das ist auch der Grund, warum die Retter ihre Beziehungen anhaltend pflegen und überregional zusammen üben. Der HRVD veranstaltet alle zwei Jahre eine nationale Übung, an der alle elf Höhlenrettungsorganisationen aus ganz Deutschland teilnehmen und zusammen ein komplexes Szenario möglichst effektiv abarbeiten. 2023 war die Höhlenrettung der Bergwacht-Region Chiemgau als Mitglied im HRVD nach dreijähriger Pandemie-Zwangspause damit beauftragt, die Übung zu organisieren und auszutragen.

So realitätsnah wie nur möglich

Fick und Mayer versuchten dabei alles, was passiert, so realitätsnah wie nur möglich zu gestalten: Am Freitagmittag (8. September) wird zunächst die örtlich für den Müllnerberg zuständige Bergwacht Bad Reichenhall zu einem „Höhlenunfall unter Tage“ alarmiert. Die Aufgabe des Einsatzleiters besteht zuerst darin, die Lage zu erkunden, zu bewerten und daraufhin eine gezielte Nachalarmierung der Höhlenrettungskräfte zu veranlassen. Bis zum Abend treffen dann zeitlich versetzt insgesamt 79 Höhlenretter aus sieben Bundesländern in Kibling am Saalachsee ein, wo die regionale Höhlenrettungsgruppe zusammen mit den Teams des Technikbusses der Bergwacht-Region Chiemgau, des von der Bergwacht Penzberg betriebenen Einsatzleitwagens der Bergwacht Bayern und des Einsatzleitwagens des Fachdienstes „Information und Kommunikation“ der heimischen BRK-Bereitschaften eine Einsatzleitung und auf dem Parkplatz der Predigtstuhlbahn einen Bereitstellungsraum mit Personal- und Materiallager eingerichtet hat.

Auch Salzburg ist dabei

Aufgrund der seit vielen Jahren bei Übungen und Einsätzen gelebten und bereits traditionellen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit nimmt auch der Salzburger Höhlenrettungsdienst mit sieben Einsatzkräften an der eigentlich deutschen Übung teil.

Damit niemand verloren geht

Das Personal des Technikbusses registriert vorab die Mannschaften, damit später niemand im Gelände oder unter Tage verlorengeht; direkt danach gibt es für alle eine Einweisung in die fiktive Lage und dann erst mal eine lange Ruhepause, da einige Gruppen eine stundenlange Anreise hinter sich haben. „Bei einem echten Einsatz würde man das auch so machen, wenn bereits genug Retter vor Ort sind, damit die neuen Gruppen später als ausgeruhte Mannschaft in die Höhle einfahren und ihre bereits müden Kameraden nach getaner Arbeit im Schichtdienst ablösen können“, erklärt Mayer.

Drei Objekte, drei Personen

Am Samstagmorgen des 9. Septembers beginnt dann die eigentliche Übung in der horizontalen Pfingsthöhle, in der Adventhöhle (Schacht) und in der Teufelshöhle (Versturzblöcke) auf der Südostseite des Müllner Bergs und auf dem Plateau der Bürgermeisterhöhe (Chiemgauer Alpen) zwischen Saalachsee und Bad Reichenhall.

16 m Schächte und Canyons

Das Szenario sieht vor, dass in allen drei Objekten jeweils ein Verletzter gesucht, medizinisch versorgt und unter vollem Personal- und Materialeinsatz aufwendig gerettet werden muss. Mit ihren Einsatzfahrzeugen geht es für die in verschiedene Trupps eingeteilten Retter nach und nach über den Radlweg auf der Nordseite des Saalachsees so nah wie möglich an den Aufstieg durch ein trockenes, abschnittsweise steiles Bachbett bis hinauf zu den Eingängen der Advent- und Pfingsthöhle. Dort angekommen fahren zunächst Medizin- und Kommunikationstrupps in die Höhlen ein, gefolgt von weiteren Trupps, die die geplante Bergestrecke erkunden, absichern und gegebenenfalls Engstellen erweitern müssen, an denen eine Trage einfach nicht mehr durchpasst. Nach Versorgung durch Ärzte und Sanitäter geht es für die in Spezialtragen gesicherten Patienten zeit- und personalintensiv durch teilweise bis zu 16 Meter hohe Schächte und sehr enge Canyons Stück für Stück zurück ans Tageslicht. Am Nachmittag gegen 14.30 Uhr und 16 Uhr sind die Verletzten trotz aller zunächst unüberwindbar anmutenden Hürden aus der Advent- und aus der Pfingsthöhle gerettet. Gleichzeitig sucht ein weiterer Trupp auf der Bürgermeisterhöhe nach einem dritten Vermissten und findet dann in der dortigen Teufelshöhle tatsächlich einen dritten Patienten-Darsteller, der auch so schwer verletzt ist, dass ihn die Retter notfallmedizinisch versorgen und mit vereinten Kräften auf der Trage an die Erdoberfläche zurückbringen müssen.

Die Nachbesprechung

Alle Retter und Mimen steigen dann ab und werden mit Fahrzeugen im Shuttle-Verkehr zurück zum Bereitstellungsraum gebracht, wo sie nach einer kurzen Nachbesprechung zurück in ihre Unterkunft aufbrechen und anschließend beim gemeinsamen Essen mit anregenden Gesprächen den ereignisreichen Tag gemütlich ausklingen lassen. Am Sonntagmorgen (10. September) findet nach dem Frühstück noch eine ausführliche Nachbesprechung statt, bevor die Gruppen dann ihre teilweise mehrstündige Heimreise antreten.

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