FATALES
HOCHHAUSFEUER
FATALES HOCHHAUSFEUER
TEXT HERMANN KOLLINGER
FOTOS APA-IMAGES – AP / CHAN LONG HEI
Ein von Bambusgerüsten umhüllter Hochhauskomplex mit fast 2.000 Wohnungen ist in HONGKONG in Flammen aufgegangen. Die Löscharbeiten dauerten fast zwei Tage. Bis Redaktionsschluss wurden 151 Tote bestätigt, rund 30 Menschen galten noch als vermisst.
» BAMBUSGERÜSTE UND NETZE BILDEN EINE TÖDLICHE BRANDSTRASSE ÜBER 31 STOCKWERKE. «
Am 26. November 2025 bricht in der Wohnanlage Wang Fuk Court im Bezirk Tai Po ein Feuer aus. Die Siedlung besteht aus acht 31-stöckigen Wohnblöcken mit insgesamt 1.984 Wohnungen und rund 4.600 Bewohnern, viele davon über 65 Jahre alt. Wegen laufender Renovierungen waren alle Gebäude komplett mit Bambusgerüsten, Schutznetzen und Planen eingerüstet – ein idealer Nährboden für einen schnellen Brandverlauf.
Flammen fressen sich durch sieben Türme
Der Brand nimmt auf den Gerüsten des östlichsten Blocks (Wang-Cheong-Tower) seinen Ausgang. Von dort frisst er sich ins Gebäudeinnere und springt auf sechs weitere Hochhäuser über. Um 14:51 Uhr geht der erste Notruf ein, sechs Minuten später ist die Feuerwehr vor Ort – zu spät, um die massive Brandausbreitung noch zu stoppen.
Um 18:22 Uhr wird Alarmstufe 5 ausgerufen, die höchste Einstufung in Hongkong – erstmals seit 17 Jahren. 128 Feuerwehrfahrzeuge, 57 Rettungswagen und insgesamt rund 800 Kräfte sind im Einsatz. Herabfallende Trümmer, enorme Hitze und die Höhe der 31-stöckigen Türme machen den Angriff auf die oberen Geschosse extrem schwierig. Die Feuerwehr kämpft die ganze Nacht hindurch; erst nach mehr als 43 Stunden kann der Brand vollständig gelöscht werden.
Renovierung als Brandbeschleuniger
Wang Fuk Court wurde 1983 als öffentlich geförderte Wohnsiedlung gebaut. Nach einer Pflichtinspektion hatte die Wohnungsbehörde 2016 eine umfassende Sanierung genehmigt; die Arbeiten starteten Anfang 2024 und sollten bis 2026 dauern. Alle acht Blöcke waren zum Unglückszeitpunkt eingerüstet, an den Außenwänden wurde verputzt, gespritzt und gefliest.
Bereits im September 2025 hatten Bewohner beim Arbeitsministerium Beschwerden über die Sicherheitsnetze eingereicht. Die Behörde sah jedoch keinen Handlungsbedarf. Gleichzeitig waren bei mehreren Kontrollen allgemeine Brandschutzmängel festgestellt worden – zuletzt nur eine Woche vor dem Feuer. Hinzu kamen extrem trockene Witterungsbedingungen mit niedriger Luftfeuchtigkeit, die zur höchsten Feuerwarnstufe führten.
Ein von Bambusgerüsten umhüllter Hochhauskomplex mit fast 2.000 Wohnungen ist in Hongkong in Flammen aufgegangen. Die Löscharbeiten dauerten fast zwei Tage. Bis Redaktionsschluss wurden 151 Tote bestätigt, rund 30 Menschen galten noch als vermisst.
» Großeinsätze zeigen, wie viel Chaos eine Feuerwehr beherrschen kann «
Leitern reichen nicht bis zur Spitze, Trupps arbeiten sich innen hoch. Auf einem Lageplan markieren Einsatzleiter verzweifelt unerreichbare Stockwerke
Viele Opfer, ein toter Feuerwehrmann
Mindestens 151 Menschen sterben, 83 werden verletzt, darunter zahlreiche ältere Bewohner. Unter den Todesopfern ist auch ein 37-jähriger Feuerwehrmann der Wache Sha Tin, der im Einsatz ums Leben kommt. Auch drei Tage nach dem Brand gelten noch etwa 30 Bewohner als vermisst; die Behörden rechnen mit weiter steigenden Opferzahlen.
Ermittlungen und Festnahmen
Die Polizei nimmt bereits in der Brandnacht drei Verantwortliche der Renovierungsfirma Prestige Construction & Engineering Co. fest, später folgen durch die Antikorruptionsbehörde ICAC weitere acht Beschuldigte. Insgesamt stehen elf Personen unter Verdacht der fahrlässigen Tötung.
Im Fokus der Ermittlungen stehen drei mögliche Brandschutzverstöße: brennbare Schaumstoffplatten (vermutlich EPS) in Fensterbereichen, die umstrittenen Schutznetze und Planen an den Gerüsten sowie offenbar defekte Brandmeldeanlagen, deren Alarme nicht in allen Gebäuden auslösten. Polizei und Feuerwehr gehen von „grober Fahrlässigkeit“ des Bauunternehmens aus und haben ein gemeinsames Untersuchungsteam eingesetzt.
Notversorgung für Hunderte Bewohner
Über 900 Menschen verlieren durch das Feuer ihr Zuhause. Bis zum Mittag des 27. November sind etwa 500 von ihnen in neun Notunterkünften untergebracht. Die Behörden stellen medizinisches Personal, richten Koordinationszentren ein und ordnen jedem Haushalt einen Sozialarbeiter zu. Hotlines für Angehörige werden freigeschaltet, an mehreren Schulen fällt der Unterricht aus – Hongkong ringt um eine Stadt, die in einem einzigen Hochhauskomplex ihr Zuhause verloren hat.![]()