STÜRMISCHE

ZEITEN

Stürmische Zeiten

TEXT GERNOT FRIESCHER
FOTOS EMPL

Der österreichische Aufbauspezialist EMPL ist in der Feuerwehrbranche durchaus eine bekannte Größe. Von ebenso beachtlicher Dimension zeigt sich ein exotisches Sonderfahrzeug des Tiroler Herstellers, welches im Betrieb an ein Düsenflugzeug erinnert. Warum das so ist, klärt sich jedoch schon bald.

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UNSER TULF KANN AUCH
VON ANDEREN FEUERWEHREN
ANGEFORDERT WERDEN
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Heimat des Kolosses ist der Chempark Leverkusen

Nicht nur die Gesamtfläche von 480 Hektar stellt eine beachtliche Größe des Standortes der Firma Currenta dar, auch das Sicherheitsempfinden an einem der drei größten Chemie-Areale Europas ist dementsprechend groß. Wenn hier ein Notfall eintritt, muss besonders schnell mit besonderen Maßnahmen vorgegangen werden um Katastrophen zu vermeiden. Das bei EMPL in Auftrag gegeben Turbinenlöschfahrzeug (TULF) stellt eben eine dieser Besonderheiten für den Ernstfall dar. Das im November 2019 in Leverkusen in Dienst gestellte Fahrzeug ist trotz seiner Größe von 10 Metern Länge beachtlich wendig und flexibel. „Das neue Schwergewicht sorgt mit seinem leistungsstarken Triebwerk für ein Höchstmaß an Sicherheit für den Standort, die Mitarbeiter sowie die umliegenden Nachbarn“, wird die durchaus „exotische“ aber äußerst sicherheitsrelevante Anschaffung seitens der Firma Currenta begründet.

Gut erkennbar ist der Aufbau der drei voneinander unabhängigen Module. Der Geräteraumaufbau selbst wurde mit den vielfach bewährten unststoffbeschichteten ALU-Tech Sandwich-Panelen gefertigt.

Gewaltige Menge an Sprühnebel in kürzester Zeit

Wenig überraschend ist das hervorstechendste Merkmal des TULF, eben die verbaute Spezialturbine, wie man sie von Flugzeugen bereits kennt. Damit verbunden ist auch, dass der Maschinist des Vehikels mit Kopfhörern ausgestattet sein „Baby“ in Betrieb nimmt. Und das ist angesichts der Geräuschentwicklung auch als durchaus empfehlenswert zu betrachten. In nur 90 Sekunden ist die Spezialturbine einsatzbereit. Mittels Aerosoltechnik wandelt sie riesige Wassermengen in kleinste Wassertropfen um und löscht somit nicht wie üblich mit einem Wasserstrahl, sondern mit einem Nebel aus feinen Wassertröpfchen. Rund 4.000 Liter Wasser, das entspricht ungefähr 25 vollen Badwannen, können so pro Minute als Sprühnebel 80 Meter weit abgegeben werden. Die innovative Löschtechnik des TULF sorgt für entscheidende Vorteile bei der Rauch- und Feuerbekämpfung. Der erzeugte Aerosolnebel legt sich wie ein Film über Dämpfe und beschleunigt so die Brandbekämpfung, da verhindert wird, dass diese nach außen treten. Rauch wird gebunden und somit eine bessere Sicht für die Werkfeuerwehr gewährleitet. Somit können brennende Behälter optimal gekühlt und gleichzeitig abgekapselt werden. Die gewaltige Wassertropfenwolke fängt Dämpfe und ausgetretene Stoffe ab, wodurch das TULF dafür sorgt, dass Brände schneller gelöscht, Dämpfe schneller niedergeschlagen und Rauchwolken schneller aufgelöst werden können. Bei Übungen wird das TULF regelmäßig tagsüber auch außerhalb des Chemparks für einige Minuten zu hören sein. Die Übungen sind wichtig, damit neue Teammitglieder das Gerät in- und auswendig kennen und im Ernstfall zielgerichtet vorgehen können. Übrigens bringt das TULF auch für längere Einsätze die notwendige Ausdauer mit. Es hat genug Kraftstoff für eine Stunde im Tank. Wenn es länger dauert, wird das TULF mittels einer mobilen Tankstelle versorgt.

Gut erkennbar ist der Aufbau der drei voneinander unabhängigen Module. Der Geräteraumaufbau selbst wurde mit den vielfach bewährten unststoffbeschichteten ALU-Tech Sandwich-Panelen gefertigt.

Umsetzung in Modulbauweise

Bereits seit vielen Jahren hat sich im Hause EMPL die modulare Aufbauweise selbst bei höchst komplexen Anforderungen bewährt. Der Aufbau liegt grundsätzlich drei unabhängigen Modulen zugrunde.  Zwischen den Geräteräumen 1 und 2 bzw.  3 und G4 befindet sich ein separates Hydro Jet Modul, das autark vom Trägerfahrzeug agieren kann und mittels Twist Lock System aufgesetzt und somit abnehmbar ist. Der Geräteraumaufbau ist aus 2-Schicht-kunststoffbeschichteten ALU-Tech Sandwich-Paneelen gefertigt. Links und rechts sind Geräteräume mit je zwei massiven, pulverbeschichteten, versperrbaren Alu-Rollläden staub- & wasserdicht abgeschlossen. Sämtliche Rollläden sind mit selbstspannenden Zuziehbändern versehen. Schräg nach innen leuchtende LED-Lichtbänder gewährleisten eine optimale Geräteraumausleuchtung. Links und rechts am Heck sind je 2 Gerätetiefräume mit Unterflurklappen angeordnet, welche mit je 270kg belastbar sind. Unterhalb des Geräteraumes im Heck befinden sich zwei Schlauchhaspeln auf absenkbarer Aufprotzvorrichtung.

Zusätzlich zum Hydro Jet Modul ist das Fahrzeug mit einem pneumatisch ausfahrbaren Dachwerfer ausgestattet. Dieser kann bis zu 6.000 l Wasser pro Minute abgeben.

Die Turbine hat gewaltigen „Durst“

Da das Turbinenlöschfahrzeug für eine leistungsstarke Brandbekämpfung ausgelegt ist, sind auch die Fördermengen der Pumpen bzw. die Durchflussmengen beachtlich. 5.500 Liter Wasser werden vom TULF selbst mitgeführt und mittels einer 10.000 Liter Pumpe zu den Werfern befördert. Im Einsatzkonzept der Werkfeuerwehr Chempark ist eine Schaummittellogistik auf WLF mit AB Schaum vorgesehen. Hierfür stehen ABs mit über 10.000 Liter Schaummittel zur Verfügung. Die Schaummittel werden über eine am Fahrzeug verbaute Schaummittelpumpe angesaugt.

Das Dach über dem Geräteraum ist begehbar und rutschfest ausgeführt. Eine klappbare Aufstiegsleiter mit Übersteigbügel auf der Beifahrerseite ermöglicht ein bequemes Besteigen zum dort verlasteten Dachkasten. Zusätzlich zum am Dach ausfahrbaren Hydro Jet Modul, welches 4.000l/min leistet, verfügt das Fahrzeug über einen 6.000l Dachwerfer mit pneumatischer Hubeinrichtung. Das Dach der hinteren Geräteräume und des Fahrerhauses sowie die Rückseite des Fahrerhauses sind mit einer Selbstschutzanlage versehen.

Da hat noch mehr Platz

Das auf einem MAN TGS 28.500 EURO 6 Fahrgestell aufgebaute Turbinenlöschfahrzeug bietet auch zur Unterbringung der Beladung reichlich Platzkapazitäten. So zählen zur Beladung des TULF etwa 365 Meter A-Schläuche, 240 Meter B-Schläuche, Übergangsstücke, Schaummittelsaugschläuche, Schnellangriffsverteiler, Hohlstrahlrohre, Hydroschild, Teleskopleiter, Beleuchtungs-, Signal- und Fernmeldemittel, Turbinentauchpumpe, Gasmessgerät, Druckluftsprühgerät uvm.

Auch wenn es übergeordnet zu hoffen gilt, dass es in einem so sensiblen Industriezweig nie zu einem Ernstfall kommt, so ist es doch gut zu wissen, dass der Mannschaft vor Ort für den Fall der Fälle zumindest das technisch bestmögliche Gerät und Material zur Verfügung steht.