Holt mich

Hier

RAUS

Holt mich hier raus

TEXT GERNOT FRIESCHER
FOTOS BEE ETTISWIL

Auch wenn jemand kein Star ist, bekommen Einsatzkräfte von Personen in misslichen Lagen oft genug zu hören: „Holt mich hier raus!“ Da es in der Realität jedoch zu höchst skurrilen Situationen kommen kann, wo Improvisationstalent und Einfallsreichtum von den Rettern gefordert sind, gibt es speziell darauf ausgerichtete Kurse. Den Kurs „Maschinenunfälle“ vom Feuerwehr-Campus Schweiz haben wir uns ein wenig genauer angesehen.

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In der Praxis gibt es Vorfälle,
da staunt man nur,
wie das überhaupt passieren konnte.
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Die Hand steckt in einem Fleischwolf fest, Blut tropft aus dem Gerät und eine vor Schmerzen schreiende Person bittet unter Tränen um Hilfe. „Das ist für gewöhnlich die Standard-Ausgangssituation unseres Kurses“, beschreibt Michael Kümin, Ausbildungsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung der BE Ettiswil AG, den Einstieg des Kurses. Aber säumen wir das Pferd doch von vorne. 
Ursprünglich verfolgte Irakli West, Geschäftsführer von Heavy Rescue Germany (HRG), die Idee, Feuerwehrleute zu schulen und auf Situationen vorzubereiten, in welchen Personen aus besonders kniffligen Notlagen zu retten sind. Personen, die zur Gänze oder auch mit Extremitäten eingeklemmt, aufgespießt oder gepfählt sind, schnellstmöglich mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu befreien, war das Ziel dieses Ausbildungsmoduls. Michael Kümin stand in engem Kontakt mit dem Team von Heavy Rescue Germany und zu den Anfängen des Feuerwehr-Campus wurden die Kurse noch von HRG selbst abgehalten. Dem Engagement und dem engen Kontakt durch Herrn Kümin sei Dank erhielt dieser schließlich die Zusage, den Kurs in Lizenz exklusiv in der Schweiz am Feuerwehr-Campus durchzuführen. Das geschieht nun bereits seit einem Jahr in Eigenregie und der Erfolg lässt sich sehen und messen. Maximal acht Teilnehmer werden pro Einheit aufgenommen. Die bewusst kleingehaltenen Gruppen erwartet somit eine völlig persönliche Betreuung sowie eine unkomplizierte Interaktion aller Teilnehmer untereinander.

Am Feuerwehr-Campus der BE ETTISWIL fließt auch mal Blut. Allerdings nur Künstliches. Die Praxisübungen des Kurses werden möglichst realistisch aufgebaut.

Diesen Klassiker kennt wohl jeder: Die im Fleischwolf feststeckende Hand. Doch kennt auch jeder die Möglichkeiten, diese Situation bestmöglich zu lösen? Auch hier machen erst die Übung und Erfahrung den Meister.

Laufend angepasste Kursinhalte

Obwohl Herr Kümin über eine respektable Erfahrung verfügt – er ist selbst seit über 15 Jahren mitunter als Ausbildungsverantwortlicher der FW Emmen und als Feuerwehrinstruktor tätig –, bereitet er sich auf jeden Kurs individuell vor. „Ich recherchiere gezielt in Zeitungen, Foren und Medien nach Schilderungen, wo eine Personenbefreiung nach einem Unfall oder ähnliche Notlagen erläutert werden. Soweit es mir möglich ist, studiere ich die angewandte Strategie und lasse diese in den Unterricht einfließen. Es sind immer wieder Parallelen unterschiedlicher Vorfälle zu erkennen und auch ich staune manchmal über die kreative Umsetzung von Kameraden.“
Allerdings sei hier festgehalten, dass der Kern des Kurses natürlich eine Konstante bildet. Das taktische Vorgehen an sich unterliegt immerhin einer auf Erfahrung basierenden Reihenfolge. Dementsprechend ist der Lehrgang auch nach dem PITT-Modell aufgebaut.
Das bedeutet: 1. Problematisieren (Theorie); 2. Informieren (Theorie und Praxis); 3. Trainieren (Praxis); 4. Testen (praxisnahe Einsatzübungen).

Es geht zur Sache

Primär wird bei dem eintägigen Training „Maschinenunfälle“ zwischen Einklemmungen und Pfählungen unterschieden. Daraus resultiert das weitere Vorgehen, ob eine Demontage oder eine Zerstörung der gegenständlichen Anlage den schnellstmöglichen Erfolg verspricht. Bei Maschinenunfällen ist unbedingt auch zu berücksichtigen, dass gegebenenfalls Maschinen gegen Wiedereinschalten gesichert werden und eine Spannungsfreiheit gegeben ist, bevor die Person befreit wird. Allgemein stellt die Reihenfolge Erkunden – Sichern – Vorbereiten & Logistik – Befreien – Retten den Leitfaden für gezieltes Vorgehen dar.  
Einen weiteren Themenschwerpunkt des Kurses stellt die Patientenbetreuung dar. Immerhin stehen die meisten Personen unter Schock, haben Schmerzen und große Angst. Michael Kümin geht auch hier mit Bedacht vor: „Auch bei Einsatzkräften schnellt der Adrenalinspiegel beim Anblick mancher Situationen in die Höhe. Umso wichtiger ist es, dass auch wir Ruhe bewahren, wir uns dem Patienten vorstellen und diesen über das weitere Vorgehen aufklären.“

Eine Notlage, viele Lösungswege

Zwei plus zwei ergibt vier. Hier stehen nicht viele verschiedene Alternativen zur Verfügung. Bei eingeklemmten oder gepfählten Personen verhält es sich anders. „Manchmal bekommen wir zu einer simulierten Notlage genauso viele Lösungsvorschläge wie es Teilnehmer gibt und ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig und kreativ manche Ansätze sind. Auch ich lerne nie aus und implementiere Inhalte von einem Kurs bereits in den nächsten“, bringt Michael Kümin seine Begeisterung im Telefoninterview zum Ausdruck.
Besonders spannend entwickelt sich der Workshop, wenn es darum geht, simulierte Notlagen praktisch zu lösen. Dabei kommen mitunter Kinder-Puppen mit integrierten Lautsprechern zum Einsatz oder Kursteilnehmer selbst schlüpfen in die Rolle des Verunfallten.
Den Drang des Kursleiters kontinuierlich auf höchstmöglichem Niveau zu unterrichten, erkennt man auch daran, dass er unser Gespräch geschickt nutzt, um Leser einzuladen, ihm diverse skurrile Situationen und deren Problemlösungen unter michael.kuemin@be-ettiswil.ch zu schildern.