DAS COOLSTE FEUERWEHR-MAGAZIN

FEUERFALLE

FABRIK

Feuerfalle Fabrik

TEXT HERMANN KOLLINGER

Kaum ein Jahr vergeht, in dem aus dem bitterarmen Bangladesch nicht wieder Nachrichten über brennende oder einstürzende Fabriken und daraus resultierend tragische Todesfälle um den Erdball gehen. Beim jüngsten Fall in diesem Herbst starben über 30 Menschen bei einem Feuer, das offensichtlich durch die Explosion eines Heizkessels seinen Ausgang gefunden hat.

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34 Tote bei Großbrand in Bangladesch
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Tödliche Unfälle in Fabriken in Bangladesch sind leider keine Seltenheit: Sehr häufig werden Verpackungen, Kleidung oder andere Textilien unter schlechtesten Arbeitsbedingungen produziert, ganz zu schweigen von den Auflagen, was Brandschutz- und Sicherheitsbestimmungen betrifft. Das sind Zustände, welche in unseren Breiten einen Betrieb wohl keinen Tag lang existieren lassen würden. Die Armut und der Zwang der Leute vor Ort erlauben leider großteils auch diese Zustände, die von der westlichen Industrie zugunsten günstiger Preise für uns Endkunden und hoher Gewinnspannen geduldet werden.

Die zum Teil chaotischen Löscharbeiten dauerten über 24 Stunden an.
Zahlreiche Fabrikarbeiter kamen unter den Trümmern und in den Flammen ums Leben.

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Brandschutzbestimmungen gibt es kaum oder sie werden ignoriert. Fatale Unfälle sind vorprogrammiert.
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Zu welcher Katastrophe laxe Gebäudekontrollen und fehlender Arbeitsschutz führen können, zeigte der Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes im April 2013. Das Gebäude, in dem fünf Textilfabriken produzierten, begrub mehrere Tausend Menschen unter sich! 1.135 Menschen starben. Ermittler stellten später fest, dass der achtstöckige Komplex aus minderwertigem Material gebaut worden war und die Fabriksmanager die Arbeiter trotz bereits sichtbarer Risse gezwungen hatten, ins Gebäude zu gehen. Ebenso befanden sich in den Stockwerken auch Maschinen mit Gewichten, für die die Konstruktion gar nicht ausgelegt war. Offizielle Bauvorschriften waren zudem das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden hätten sollen.

Heizkessel explodierte

Die Kombination aus einem im Heizraum explodierenden Kessel und rund 20 Tonnen gelagerten Chemikalien (welche erst wenige Tage zuvor eingelagert worden sind) dürfte Auslöser für eine der jüngsten Brandkatastrophen in Bangladesch gewesen sein, die in den meisten Tageszeitungen, wenn überhaupt, vermutlich nur über wenige Zeilen hin die Aufmerksamkeit des informationsgefluteten Lesers erweckt hatte. Schauplatz war der auf Plastikverpackungen spezialisierte Betrieb Tampaco Foils Limited, der neben lokalen Firmen beispielsweise auch internationale Unternehmen wie den Nahrungsgiganten Nestlé oder auch den Tabakkonzern British American Tobacco beliefert. An die 80 Personen haben sich zum Zeitpunkt des Brandausbruchs – der Arbeitstag hatte gerade erst begonnen – in dem vierstöckigen Gebäude, das laut Bauvorgaben lediglich ein Geschoß aufweisen sollte, in der Industriestadt Tongi aufgehalten. Diese liegt etwa 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt Dhaka.

 

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Ich hörte eine gewaltige Explosion und dachte erst an ein Erdbeben.
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Gebäude zum Teil eingestürzt

Der durch die Explosion entstandene Brand erfasste recht rasch einen Bereich, wo Chemikalien gelagert worden waren. Das Zusammenspiel von Explosion und Feuer führte zudem zum teilweisen Einsturz des Gebäudes. Das war für die gerufene Feuerwehr, die letztendlich mit 20 Fahrzeugen im Einsatz stand, keine leichte Aufgabe: Sie hatte nicht nur auch noch nach 30 Stunden(!) gegen die Flammen anzukämpfen, sondern musste sich unter lebensgefährlichen Bedingungen ins Gebäudeinnere zu den Arbeitern vorarbeiten, um Eingeschlossene zu retten beziehungsweise – wie sich in weiterer Folge offenbarte – an die zwei Dutzend Tote zu bergen. Sie verbrannten, erstickten oder wurden erschlagen. Weitere Opfer erlagen später im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. 70 weitere Mitarbeiter des Unternehmens wurden teils schwer verletzt. „Ich habe im Büro gearbeitet, als ich eine Explosion hörte und ein Beben spürte“, erzählt der 35-jährige Elektriker Mohammad Rokon, der mit leichten Verletzungen zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht wurde. „Ich bin fast bewusstlos geworden. Aber ich habe mich gezwungen, mithilfe der Taschenlampe meines Handys rauszugehen.“ Der Maschinenführer Rubel Hossain überlebte das Unglück ebenfalls und half bei der Versorgung der Verletzten. „Ich fühle mich zugleich glücklich und untröstlich“, resümiert er betroffen. 

Die Sicherheitsbestimmungen haben sich seit 2013 zwar verbessert, aber leider nur in Fabriken, die für den Export ausgerichtet sind. Bleibt zu hoffen, dass sich solche Unfälle nicht wiederholen.

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Heizkessel explodierte neben 20 t Chemikalien.
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Die Arbeiter in den Fabriken sind besorgt und fordern bessere Arbeits- und Sicherheitsbedingungen, doch selten werden ihre Anliegen berücksichtigt. Ein Umdenken findet nur langsam statt.

Wartung? Keine Ahnung

Der Fabrikbesitzer und ehemalige Parlamentsabgeordnete Syed Mokbul Hossain sagte in den Medienberichten der Lokalzeitung Prothom Alo, er wisse nicht, ob der explodierte Kessel defekt gewesen sei und ob er regelmäßig gewartet wurde. Überlebende berichten zudem auch, dass kurz vor der Explosion penetranter Gasgeruch durch die Fabrikräume gezogen sei. Nachdem der Vater eines der Opfer den Besitzer wegen fahrlässiger Tötung angezeigt hatte, tauchte dieser unter und verschwand bislang von der Bildfläche.

Ein Unglück nach dem anderen

Erst im August dieses Jahres hatten sich durch die Explosion eines Ammoniak-Tanks in einer Düngemittelfabrik giftige Gase in weiten Teilen der Großstadt Chittagong ausgebreitet. Mehr als 200 Menschen mussten ärztlich behandelt werden, Hunderte wurden in Sicherheit gebracht.

Aufgrund des hohen Imageschadens bemühen sich nach und nach auch die westlichen Betriebe, vor Ort für mehr Brand- und Arbeitsschutz zu sorgen. Dort und da sollen diese Maßnahmen inzwischen auch langsam zu greifen beginnen, vor allem in der brandreichen Textilindustrie. Lücken wird es jedoch noch viele geben, vor allem auch in anderen Sparten. Bis zum Erreichen eines allgemein höheren Standards werden vermutlich noch viele Jahre in dieses arme Land ziehen – und leider wohl auch (was nicht zu hoffen ist) viele weitere Menschen ihr Leben in der Arbeit lassen müssen. 

Unglücksfälle in Fabrikgebäuden in Bangladesch

• Juni 2015: Eine Textilfabrik außerhalb der Hauptstadt Dhaka brennt völlig aus und stürzt in sich zusammen. Verletzt wird niemand. Das sechsstöckige Gebäude war erst ein Jahr zuvor von Inspektoren des Aktionsplans in Augenschein genommen worden.

• Jänner 2015: Beim Brand in einer Recyclingfabrik für Kunststoffe in Dhaka kommen mindestens 13 Arbeiter ums Leben. Das Feuer war im Erdgeschoß des sechsstöckigen Gebäudes ausgebrochen. Die Flammen kamen nach Angaben der Polizei mit gelagerten Chemikalien in Kontakt und breiteten sich schnell aus.

• Oktober 2013: Eine Textilfabrik in einem Industriebezirk nördlich von Dhaka gerät in Brand, mindestens neun Menschen sterben.

• April 2013: Das Rana-Plaza-Gebäude in einem Vorort von Dhaka stürzt ein. Mehr als 1.100 Menschen sterben, mehr als 2.500 werden verletzt. Die meisten Opfer sind Frauen, die dort als Textilarbeiterinnen arbeiteten. Fahrlässigkeit und Baumängel sollen die Ursache der schlimmsten Fabrikkatastrophe in der Geschichte Bangladeschs gewesen sein.

• Jänner 2013: Sieben Menschen fallen einem Brand in einer Textilfabrik in Dhaka zum Opfer.

• November 2012: Bei einem Feuer in der „Tazreen 

Fashion“ Textilfabrik nahe Dhaka kommen 112 Menschen ums Leben. Die Ausgänge der Fabrik sollen abgesperrt gewesen sein.

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