Damit

die Chemie

stimmt

Damit die Chemie stimmt

TEXT GERNOT FRIESCHER
FOTOS BRANDHEISS

Wenn sie in Erscheinung treten,
ziehen sie die Blicke und Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich und das noch mehr, als es Feuerwehrleute in Schutzbekleidung ohnehin schon tun. Die Rede ist von Einsatzkräften, die in angelegten Chemikalien-Schutzanzügen (CSA) ausrücken müssen. Über 20 dieser „Marsmännchen“ waren auf einem Fleck konzentriert am Gelände des Flughafens Leipzig/Halle zu sehen. Nicht weil etwas passiert ist, sondern weil der führende Hersteller dieser Schutzanzüge zu einem Real Time Training geladen hat.

»
Wir können die Sitution einer Notlandung darstellen. Dann müssen die Teilnehmer aber mit einer -Feuerwand von 20 x 20 Meter klarkommen.
«

In "echt" erleben, was tatsächlich möglich ist.

Wer ein Auto kauft, macht eigentlich wie selbstverständlich eine Probefahrt mit dem Objekt der Begierde. Schließlich will man doch sehen, fühlen und erfahren, wie sich der neue fahrbare Untersatz in der Praxis tatsächlich verhält. Bei Feuerwehrequipment bzw. persönlicher Schutzausrüstung (PSA) steht eine ausführliche „Probefahrt“ schon wesentlich seltener am Programm. Eigentlich ein wenig seltsam. Das dachte sich auch Sven Altinger, Chef in zweiter Generation des weltweit sehr erfolgreichen Unternehmens TESIMAX: „Wir produzieren seit fast 40 Jahren Chemikalien- und Hitzeschutzanzüge auf international höchstem Niveau. Wir suchten allerdings nach einer Möglichkeit, potentielle Kunden VOR einer Kaufentscheidung von unserer Qualität zu überzeugen. Und das sollte am eigenen Leib und unter realen Einsatzbedingungen erlebt werden können.“ In Kooperation mit FIRE TRAINING am Flughafen Leipzig/Halle fand das Baden-Württembergische Unternehmen einen schlichtweg idealen Partner zur Umsetzung dieses Vorhabens.

S788 E2

SP 777 E2

Bodenständig und dabei höchst innovativ

Bereits zum dritten Mal fand somit im September 2019 das TESIMAX REAL TIME TRAINING statt. Restlos ausgebucht war der Tag, an dem sich 20 Teilnehmer über Taktik, technische Details und Handhabung intensiv unterrichten lassen konnten. Höhepunkt des Events sind natürlich die Praxis-Workshops im Realbrandcontainer bzw. in einem Flugzeugnachbau, der ebenfalls gezielt in Brand gesetzt werden kann. Der Mastermind hinter dem Event, Sven Altinger, war auch beim dritten Real Time Training persönlich vor Ort. Aufgrund der Anwesenheit von beachtlich vielen Medien, musste er einem Politiker gleich einen großen Teil der Zeit mit Interviews verbringen. „Dafür bin ich doch da! Ich beantworte gerne sämtliche Fragen, packe an, wo Hilfe nötig ist und lege sehr großen Wert auf das direkte Feedback der Teilnehmer. Ihre Inputs sind es immerhin, die uns zu laufenden Verbesserungen der Produkte animieren.“ Sogar Kameraden aus Tschechien sind extra angereist, um die Schutzanzüge von TESIMAX unter realen Bedingungen zu testen. „Im Einsatzradius unserer Feuerwehr gibt es zahlreiche große landwirtschaftliche Betriebe. Große Mengen an Dünger oder Pestizide sind dort gelagert und immer wieder kommt es zu gefährlichen Komplikationen. Wir sind deshalb hier, um uns von der Qualität der CSA überzeugen zu können“, so einer der tschechischen Kameraden

Fire Training & der Flughafen Leipzig/Halle

Passagierverkehr 2018:
Über 2,5 Mio. Fluggäste;

Luftfracht 2018:
Mehr als 1,2 Mio. Tonnen (fünftgrößtes Frachtdrehkreuz Europas);

Die Werkfeuerwehr:
Seit 1997 anerkannte Werkfeuerwehr mit 123 hauptamtlichen und ca. 30 nebenberuflichen Einsatzkräften; aufgeteilt auf drei Wachen; pro Schicht ständig 25 Mann vertreten; pro Jahr ca. 4.800 Einsätze, davon 40 % techn. Hilfeleistung, 33 % Behindertentransporte, ca. 27 % Positionsbrandschutz u. Meldereinsätze sowie Einsätze am Flugzeug.

Ausbildungszentrum Fire Training:
Eröffnung 2010 im Nordbereich des Flughafens Leipzig/Halle; Einrichtung verfügt über eine gasbefeuerte Boeing-747-Simulationsanlage zur Ausbildung der Brandbekämpfung an Luftfahrzeugen. Darüber hinaus wird ein großes Spektrum an theoretischen und praktischen Schulungen geboten, die sowohl einzeln als auch im Paket gebucht werden können.

Ausbildungsschwerpunkte:
Atemschutzübungsstrecke, Rettungssanitäterausbildung, Betriebssanitäterausbildung, Brandschutzhelfer, Erste Hilfe, Flugzeugbrandbekämpfung, Heißausbildung mit mobilem FlashOver Container und Wärmegewöhnungsanlage.

Voraussetzung für Teilnahme:
Med. Untersuchung nach G 26/3; Grundausbildung Atemschutzgeräteträger; Feuerwehrausbildung.

Man setzt bewusst auf Partner in Europa

„Es gibt durchaus größere Hersteller als uns. Doch unsere vier jahrzehntelange Erfahrung und die enge Kooperation mit führenden europäischen Textil- und Faserherstellern sichert uns die Position als Technologieführer“, erklärt Herr Altinger den Status seines Unternehmens. Seine Beschreibung ist dabei nicht an den Haaren herbeigezogen. Immerhin zählen Industrie, Militär, Schifffahrt und Feuerwehren rund um den Globus zu den Kunden von TESIMAX. Dabei scheint der internationale Erfolg der Geschäftsleitung nicht zu Kopf gestiegen zu sein. Im Gegenteil. Erfreulich bodenständig präsentiert sich das innovative Unternehmen und unterstreicht die Vorteile von kurzen Entscheidungswegen oder die bewusste Entscheidung Textilien und Rohstoffe vorwiegend mit kurzen Transportwegen in Europa zu beziehen. Made in Europe ist Herrn Altinger ein persönliches (Qualitäts-) Anliegen. Aufgrund des großen Zuspruchs für das Real Time Training von TESIMAX sind mittelfristig noch drei zusätzliche Standorte in Europa in Planung.

»
Ziel ist es zu erfahren, wie nahe man mit einem Schutzanzug ans Feuer herangehen kann!
«

Diese Übungsanlage sieht man nicht alle Tage

 Trainingsgelände gebeten, unseren Wagen im eigenen Interesse umzuparken. Einige Stunden später, als man den Nachbau einer Boeing 747 zu Trainingszwecken gezielt in Flammen setzte, wurde uns die Notwendigkeit des Umparkens klar! Eine zwanzig Meter hohe wie breite Feuerwand hätte den Wiederverkaufswert unseres Autos durchaus negativ beeinflusst. Matthias Riedel, Leading Training Instructor, hatte bei diesem Event das Sagen. Er ist die letzte Instanz einer Entscheidung darüber, was auf „seinem“ Areal geschieht und er hat auch seine Kameraden der Werkfeuerwehr Flughafen Leipzig/Halle gut im Griff. Die Workshops verliefen demnach wie am Schnürchen.

Reales Training, reale Gefahr

Als erste Station wurde in den mit Paletten befeuerten Brandcontainer gebeten. Hier soll erlebt werden, wie es sich tatsächlich anfühlt, wenn sich Rauchgase entzünden und mit ungefähr 800 Grad Celsius knapp über den Köpfen als Flashover hinwegrasen. Eindrücklich wird auch unterrichtet, auf welche Indikatoren zu achten ist, damit dieser Effekt nicht irrtümlich eintritt. Bei der nächsten Station stand die große Verwandlung auf dem Plan. Jeder der Teilnehmer musste nun in die von TESIMAX zur Verfügung gestellten CSA schlüpfen. Mit angelegtem Pressluftatmer ist das natürlich nur unter Mithilfe einer zweiten Person möglich. Damit das Mikroklima innerhalb des Anzuges einfacher zu ertragen ist, standen den Teilnehmern spezielle Körperkühlwesten zur Verfügung. Dieses mit Wasser „aufgeladene“ Kleidungsstück erreicht immerhin einen Kühleffekt von ca. 12 Grad Celsius, wodurch der Träger länger konzentriert und leistungsfähig bleibt. Die Aufgabe, welche die Teilnehmer nun zu erfüllen hatten, war schnell erklärt – im Gegensatz zur Ausführung: Zugang zum „Flugzeug“ verschaffen, im Dunkeln nach Passagieren (in diesem Fall mit Wasser gefüllten Kanistern) suchen und diese ins Freie transportieren. Eine in der Theorie einfache Übung erweist sich mit CSA und PA als so gar nicht einfach in der Ausführung, wenn die Sicht gleich Null ist, die Bewegungsfreiheit ebenfalls drastisch eingeschränkt ist und ständig das in den zuvor abgehaltenen Theorie-Kursen Gelernte berücksichtigt werden muss, wie etwa das Vermeiden von Durchzündungen aufgrund von unvorsichtigem Öffnen von Türen.

Abschließender Höhepunkt des Events ist natürlich die Erfahrung, die gemacht wird, wenn die Teilnehmer im High-Performance Schutzanzug VS 20 Silverflash kontrolliert an die 20 Meter breite Feuerwand herangeführt werden. Ziel ist es zu erkennen, wie weit man mit diesem CSA tatsächlich an eine Hitzequelle herantreten kann und wie sich diese Situation im Inneren anfühlt, um Panik im Ernstfall vorzubeugen. Trotz einer kurzzeitigen thermischen Belastbarkeit von 850 Grad Celsius (z.B. Verpuffung), sind diese Schutzanzüge nicht für das Bewegen in unmittelbarem Feuer konzipiert.

Ausbildungsleiter Matthias Riedel, der über Erfahrungswerte verfügt, die eine Bibliothek füllen könnten, demonstrierte jedoch eindrücklich, dass im Ernstfall der VS 20 Silverflash trotzdem genug Sicherheitsreserven aufweist. Er machte nämlich als Einziger nicht vor der Flammenwand halt, sondern ging durch diese eindrucksvoll hindurch.
Der prüfende Blick danach auf seine leicht gerötete Wade galt wohl einem Insektenstich vom Vortag.